Bluttat in SittenAcht Stunden Ausnahmezustand

Ein 36-Jähriger hat am Montagmorgen in Sitten zwei ehemalige Arbeitskollegen erschossen. Erst Stunden später konnte die Polizei den Täter festnehmen. Er hat die Tat gestanden.

Philippe Reichen

Nach den tödlichen Schüssen in Sitten fahndeten 120 Walliser Polizistinnen und Polizisten nach dem Täter.

Nach den tödlichen Schüssen in Sitten fahndeten 120 Walliser Polizistinnen und Polizisten nach dem Täter.

Foto: Louis Dasselborne (Keystone)

Sitten, Montagmorgen, kurz vor 8 Uhr. Ein Unbekannter taucht in kurzer Zeit an zwei verschiedenen Orten auf und beginnt auf Personen zu schiessen. Eine 34-jährige Frau und einen 41-jährigen Mann trifft der Schütze tödlich, eine dritte Frau überlebt den Angriff verletzt. Obwohl die Kantonspolizei nach der Bluttat die Zufahrtsstrassen rund um Sitten rasch abriegelt und selbst die Autobahn blockiert, um Auto für Auto zu kontrollieren, gelingt dem Mann die Flucht.

Rund zweieinhalb Stunden nach der Tat informiert die Kantonspolizei die Öffentlichkeit ein erstes Mal über das Geschehene. Sie schreibt, sie fahnde nach dem Täter, habe den Mann aber noch nicht identifizieren können. Gemäss ersten Erkenntnissen habe der Täter seine Opfer gekannt. 

Gegen Mittag folgen innerhalb von wenigen Minuten zwei weitere Polizeicommuniqués. Klar ist: Die Polizei fahndet weiterhin nach dem mutmasslichen Täter, hat nun aber seine Identität klären können. Es handelt sich um einen 36-jährigen Mann, der mit einem grau-metallischen Peugeot Cabriolet mit Walliser Kennzeichen geflüchtet sein soll. Die Polizei sucht Zeugen, die entweder die Tat gesehen haben oder Angaben über den Verbleib des Mannes machen können. Und sie warnt: «Diese Person ist gefährlich. Man sollte auf keinen Fall versuchen, sie selbst zu verhaften oder sich ihr zu nähern.»

«Er hat sich widerstandslos festnehmen lassen und ist geständig»: Der Walliser Polizeikommandant Christian Varone informiert an einer Pressekonferenz über den Täter.

«Er hat sich widerstandslos festnehmen lassen und ist geständig»: Der Walliser Polizeikommandant Christian Varone informiert an einer Pressekonferenz über den Täter.

Foto: Louis Dasselborne (Keystone)

Erst am Nachmittag kurz vor 16 Uhr gelingt es der Gemeindepolizei in Crans-Montana, den Mann zu fassen. «Er hat sich widerstandslos festnehmen lassen und ist geständig», sagte der Walliser Polizeikommandant Christian Varone an einer Medienkonferenz am frühen Abend. Bei den getöteten Personen handelt es sich gemäss Varone um ehemalige Arbeitskollegen, mit denen der 36-Jährige in Streit geraten war. Die verletzte Frau sei nicht in Lebensgefahr. Der Mann hat gemäss dem Polizeikommandanten zwei Waffen besessen, welche bei der Polizei registriert waren.

Mann der Justiz bekannt

Oberstaatsanwalt Olivier Elsig bestätigte, dass der Mann der Justiz bekannt war. Er habe immer wieder Streitereien gehabt. In gewissen Fällen habe er gegen Personen Strafanzeigen eingereicht, in anderen Fällen sei er Beschuldigter gewesen, so Elsig. Es sei um kleinere Delikte wie Drohungen, aber nie um Belästigungen gegangen. Vor eineinhalb Jahren habe ein Bezirksgericht den 36-Jährigen zu einer kleinen Geldstrafe auf Bewährung verurteilt, wobei er gegen das Urteil rekurrierte. In den letzten Tagen soll der Täter gemäss Olivier Elsig rund 20 Personen ein Video geschickt haben, in dem er sich zu Problemen in seinem Leben äusserte. Dieses Video nutzte die Polizei am Montag, um mögliche weitere Opfer präventiv zu schützen.

Nach der Bekanntgabe der Identität des mutmasslichen Täters und weil die Namen seiner Opfer in der Bevölkerung zirkulieren, bekamen auch die Medien frühzeitig Informationen aus der Bevölkerung. Die Unterwalliser Zeitung «Le Nouvelliste» berichtet, der Mann habe «in mehreren Walliser Malerbetrieben gearbeitet». Eines der Opfer soll ein ehemaliger Patron sein. 

Ein anderer Arbeitgeber des Gesuchten sagte gegenüber «Le Nouvelliste», die Nachricht über die Bluttat habe ihn in Angst und Schrecken versetzt. Er habe seine Familie und seine Angestellten sofort in Sicherheit gebracht. Der mutmassliche Täter sei als Angestellter «problematisch» und sei auch nicht lange im Unternehmen gewesen. Der Mann habe von Anfang an ein auffälliges Verhalten gezeigt, sich kaum kritisieren lassen, sondern stets signalisiert, die Dinge besser zu wissen. Man habe rasch vermutet, dass der Mann an psychischen Problemen leide, sagte der ehemalige Arbeitgeber. «Ich erinnere mich, dass ich damals den Begriff Psychopath fallen liess», zitiert «Le Nouvelliste» den Mann. Zu den Opfern und möglichen Motiven des Täters wollten die Behörden keine Auskünfte geben.

Philippe Reichen ist seit 2012 Westschweizkorrespondent mit Sitz in Lausanne. Er hat an den Universitäten in Zürich und Freiburg im Breisgau Geschichte, Philosophie und Allgemeines Staatsrecht studiert.Mehr Infos

@PhilippeReichen

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