Wir Deutschen haben ein Mindset-Problem, sagt der KI-Experte Mario Herger. Was wir tun müssen, um bei Künstlicher Intelligenz nicht den Anschluss zu verpassen.

Klaut uns KI die Jobs? Was ist mit dem Datenschutz? Fragen wie diese bremsen uns bei Künstlicher Intelligenz aus

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Hat Deutschland oder Europa noch eine Chance, Vorreiter bei Künstlicher Intelligenz zu werden? Nein, sagt der KI-Experte Mario Herger. Er beschäftigt sich seit bald zehn Jahren mit der Technologie und hat gerade sein zweites Buch über KI geschrieben, das sich mit generativer KI wie ChatGPT oder Dall-E beschäftigt.

„KI kommt mit so einer Macht und auch Widersprüchen auf uns zu, dass normale Menschen es nicht einordnen können und damit überfordert sind“, sagt Herger im Gespräch mit Gründerszene. Er habe mit seinem Buch deshalb Aufklärungsarbeit leisten wollen.

Im Valley war ChatGPT keine Überraschung

Mario Herger kommt aus Deutschland, wohnt aber seit Jahren im Silicon Valley in den USA. Er kennt damit beide Sichtweisen auf die neue generative KI-Technologie, die Anfang 2023 die Aufmerksamkeit von Millionen Menschen erlangte. Im Silicon Valley seien die KI-Modelle hinter ChatGPT zwar eine „mächtige Weiterentwicklung, aber nicht das große neue Ding“ gewesen, so Herger. Das Thema sei dort bereits seit GPT 2 präsent: Das KI-Modell erschien 2019 und damit Jahre vor den aktuellen Sprachmodellen. ChatGPT läuft derzeit mit den Versionen 3.5 und 4.

Außerhalb des Valleys in den USA sei ChatGPT aber dennoch „der Hammer“ gewesen, ähnlich wie in Europa, so der KI-Autor. „Die Leute hatten verschiedenste Ideen, wie sie das auch privat einsetzen konnten. Selbst Kinder wussten, wie sie das nutzen können.“

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In Deutschland wird zuerst über Fehler geredet, in den USA über Möglichkeiten

Dennoch habe es deutliche Unterschiede bei der Aufnahme der neuen Technologie in den USA und Deutschland gegeben. „In Deutschland wurde darüber geredet, was die Modelle falsch machen, was sie nicht gut machen“, so Herger. „Ich hatte das Gefühl, die Leute wollten herausfinden, wo es scheitert, um dann sagen zu können: ‚Es funktioniert ja doch nicht!’“

In den USA sei es ganz anders, so Herger. Dort sei die Herangehensweise, das System zu verstehen, um dann zu versuchen, es in andere Prozesse oder das persönliche Leben zu integrieren.

Gerade sei Herger auf einer Baukonferenz in Europa gewesen. Er hielt dort einen Vortrag über die Möglichkeiten der aktuellen Künstlichen Intelligenz. Die ersten Fragen nach dem KI-Vortrag aus dem Publikum hätten sich aber alle um Urheberrecht, Datenschutz oder Arbeitsschutz gedreht. „Das sind berechtigte Fragen, aber sie sollten nicht die ersten Fragen sein. Man sollte sich fragen, wie man die Technologie verwenden und in Prozesse einbauen kann“, so Herger. „Wir beginnen bereits mit den Risikoabschätzungen, bevor wir das System überhaupt kennen. Und dann erscheint es uns als zu gefährlich und kompliziert, also machen wir es lieber nicht.“

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Deutschland wird bei KI nicht vorne mitmischen

Kann Deutschland, können deutsche KI-Startups und die Industrie international noch vorne mitmischen? Also die USA oder China überholen? „Das glaube ich nicht“, sagt der KI-Experte. „Uns fehlt die gesamte Basis.“ Damit meint Herger unter anderem die notwendigen Datenmengen, die etwa durch unseren heimischen Datenschutz schwer zu besorgen sind. Alleine darüber nachdenken zu müssen „behindere das kreative Nachdenken über die Möglichkeiten“, so Herger.

Deutschland hätte zwar punktuell gute Anwendungen und auch wichtige KI-Algorithmen wie etwa Long short-term memory hervorgebracht, aber dennoch stammten die großen Datenmodelle und Fortschritte aus den USA. Und selbst wenn deutsche KI-Startups eine überlegenere Technologie hätten, fehle oft das Geld. Alleine das Training der Modelle kostet viele Millionen.

„Deutschland hat ein Mindset-Problem“

Und da hörten die Probleme nicht auf. „Deutschland hat ein Mindset-Problem“, so Herger. „Wir haben gute Forschung, setzen sie aber nicht in Produkte um.“ Unis würden ihre Forscher für wissenschaftliche Papiere belohnen, aber nichts von Ausgründungen ihrer Wissenschaftler halten. Das seien privatisierte Steuergelder, so die gängige Meinung.

Das sei in den USA anders, dort werde jeder Doktorand gefragt, welche Business-Idee hinter der Forschung stecke, so Herger. Aus Stanford etwa seien bislang 6.000 Unternehmen hervor gegangen, wie Google. In Summe seien das 40 Millionen Arbeitsplätze.

Die Uni selbst halte zudem auch nicht die Rechte an der Technologie, sondern die Forscher. Gegenbeispiel aus Deutschland: Wer etwa aus dem Fraunhofer-Institut heraus gründen will, muss häufig jahrelang Lizenzgebühren zahlen.

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USA: Ex-Mitarbeiter gründen Konkurrenz-Firmen

Und es gibt laut Herger einen weiteren Grund, warum das Valley vorne liege: In Kalifornien gebe es ein Wettbewerbsklauselverbot: „Du kannst einen Mitarbeiter nicht daran hindern, von einem Tag auf den anderen zu einem anderen Unternehmen zu wechseln, das in der selben Branche arbeitet, oder selbst eines zu gründen.“ So seien zum Beispiel aus dem Autonomen-Fahren-Projekt von Google Dutzende neue Firmen entstanden, durch ehemalige Mitarbeiter. „Eine dieser Firmen wird erfolgreich sein und die Gesellschaft voranbringen.“

Und natürlich hat das Valley Vorteile für Startups beim Venture Capital: Die Investoren sind erfahrener, es gibt schlicht mehr Geld.

Experte: „Nennt KI nicht Hype!“

Bleibt KI oder ist das nur ein Hype? Diese Frage hört Mario Herger nicht gerne: „Ich sage den Leuten immer: Verwendet nicht das Wort Hype, das bedeutet immer, dass man ein Thema nicht ernst nimmt. Wenn deutsche Medien das Wort Hype für KI benutzen, leisten sie einen Bärendienst. Sie lullen deutsche Firmen ein, dass es nicht wichtig ist, eh nie kommen wird.“

Wenn jetzt in Deutschland weniger intensiv über KI und ChatGPT als noch zu Anfang des Jahres geredet werde, dann weil sich der Fokus ändere und die Phase beginne, wie die Technologie hierzulande implementiert werde. „Wir werden in der Industrie zigtausende Anwendungen sehen. Das wird die nächsten Jahre die Konferenzen dominieren, wie verschiedene Firmen das einsetzen“, so Herger.

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Wann kommt die Superintelligenz?

Und noch so eine typische KI-Frage: Wann kommt die Superintelligenz? Die AGI? Die KI, die alles kann? Auf eine Jahreszahl will sich Herger nicht festlegen. Manchmal gehe es dann doch schneller, als gedacht. Aber für eine AGI sehe er noch viele Probleme, deren Lösung jeweils eines Nobelpreises würdig wäre. Kurzum: Es dauert wohl noch.

Eines ist Herger noch wichtig: „Künstliche Intelligenz ist anders als menschliche Intelligenz“, so der Autor. Das sei aber nicht schlimm, da KI komplementär zu der unseren eingesetzt werden sollte. „Wir schaffen ja auch nicht künstliches Holz – sondern Beton, Stahl oder Glas – weil Holz günstiger und einfacher auf natürliche Weise zu erstellen ist“, so Herger. „Und auch menschliche Intelligenz lässt sich einfacher – und lustvoller – erstellen.“