Leben mit Aktien Airbus-Aktie: Französischer Überflieger

Der europäische Flugzeughersteller Airbus macht vieles richtig. Vor allem profitiert er von der Dauerkrise beim Konkurrenten Boeing. Zeit, sich die Aktie näher anzusehen.

Wenn aus einem Duopol ein Monopol wird, eröffnen sich oft Chancen für Anleger. Diese Situation könnte sich in den nächsten Jahren bei den zwei dominierenden Flugzeugherstellern Airbus und Boeing ergeben und der Airbus-Aktie neuen Schub verleihen.

Der amerikanische Luftfahrtgigant Boeing kommt nicht aus der Krise. Es droht eine Spirale nach unten. Vor allem das als Kassenschlager vorgemerkte Kurzstreckenmodell 737 Max macht große Probleme: Zuerst verursachte ein vermeidbarer Softwarefehler 2019 zwei Crashs. Vor wenigen Wochen verlor dann eine 737 Max von Alaska Airlines während des Fluges eine Tür – glücklicherweise ohne Todesopfer. 

Wie sich herausstellte, waren lose Schrauben die Ursache, Solche wurden bei Inspektionen auch an anderen 737 Max gefunden. Boeings Langstreckenflieger bereiten ebenfalls Probleme. Das seit 2009 produzierte Modell 787, bekannt als Dreamliner, hatte mit schmelzenden Batterien und Triebwerkproblemen zu kämpfen. Der Markteintritt des großen neuen Langstreckenmodells 777X verzögert sich immer weiter.

Podcast – Leben mit Aktien

Sechs Investment-Lektionen aus Davos

Im Podcast sprechen Horst von Buttlar und Christian W. Röhl darüber, was Macron besser macht als Lindner, wo der CAC 40 dem Dax voraus ist, wieso Wahljahre gute Börsenjahre sind – und warum Rüstungsaktien weiter steigen.

von
Horst von Buttlar,
Christian W. Röhl

Eine Frage der Kultur

Die Qualitätsmängel haben ihren Ursprung in der Unternehmenskultur. Boeing hat seine Modelle auf Kosteneffizienz getrimmt, das Unternehmen ist eher auf Aktionärsfreundlichkeit als auf Ingenieursexzellenz ausgerichtet. Viel Schaden angerichtet hat James McNerney, Boeings Chef von 2005 bis 2015. Er machte Karriere bei General Electric, leitete danach fünf Jahre lang den Mischkonzern 3M. Beides sind amerikanische Industriegiganten, die zu wenig investierten, zu viel den Erwartungen der Wall Street opferten und dadurch schleichend an Relevanz verloren. Die Tragik: Sobald eine Qualitätskultur kaputtgespart wurde, lässt sie sich nur schwer wiederherstellen.

Hier kommt Airbus ins Spiel. Das Unternehmen wirkt deutlich aufgeräumter als sein Konkurrent. Es profitiert von französischer und deutscher Tüftlertradition sowie der langfristigen Bindung und Motivation seiner Mitarbeiter. Bisher haben die Flugzeugmodelle von Airbus die bessere Bilanz. Die Kurzstreckenfamilie A320 ist enorm beliebt. Der moderne und effiziente Langstreckenflieger A350 beweist sich seit einem Jahrzehnt. Selbst der mittlerweile nicht mehr produzierte Koloss A380 erwies sich zwar als Ladenhüter, war jedoch bei Technik und Qualität ein voller Erfolg.

Airbus ist nicht die einzige Perle am französischen Aktienmarkt. Das Land wagt unter Macron wichtige Reformen. Der Unternehmenssektor zeigt sich vital und innovativ. Das beschäftigt uns auch in der neuen Folge unseres Podcasts „Leben mit Aktien“.

Fantastisches Zahlenwerk aus Frankreich

Der Kontrast zwischen Airbus und Boeing lässt sich auch an den Geschäftszahlen ablesen. Noch 2018 war Boeing eindeutig dominant, setzte 101 Milliarden Dollar um. Airbus kam im selben Jahr auf 64 Milliarden Euro (umgerechnet grob 69 Milliarden Dollar). Im Jahr 2023 dürfte Boeing zirka 77 Milliarden Dollar umgesetzt haben, Airbus mit 65 Milliarden Euro (71 Milliarden Dollar) ähnlich viel. 

Boeings Umsatz schrumpft, und das Betriebsergebnis ist angesichts drohender Verzögerungen und Rechtsstreitigkeiten kaum vorherzusagen. 2023 dürfte das fünfte Verlustjahr in Folge gewesen sein. Insgesamt wären in diesem Zeitraum dann grob 24 Milliarden Dollar Miese aufgelaufen. Airbus dagegen steht als Gewinner da: Das Unternehmen profitiert von reger Nachfrage und langen Wartelisten. Es sollte 2023 das dritte Jahr in Folge einen Gewinn im Bereich von vier Milliarden Euro verbuchen – deutlich mehr als vor der Coronapandemie.

Die divergierende Entwicklung macht sich an der Börse bemerkbar. Die Aktie von Airbus stieg in den vergangenen fünf Jahren um die Hälfte, Boeing verbuchte hingegen ein Minus von zirka 40 Prozent. Das heißt nicht, dass die Airbus-Aktie inzwischen viel zu teuer wäre. Eine langfristige Marktführerschaft dürfte noch nicht eingepreist sein. Für das laufende Geschäftsjahr ergibt sich ein geschätztes Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 22. Mit den Erwartungen für das nächste Jahr kommt man auf 18. Der Luftverkehr bleibt ein Wachstumsmarkt.

Selbst für Dividendenfans ist Airbus interessant. Die erwartete Ausschüttungsrendite von etwas über einem Prozent ist zwar nicht hoch, aber die Dividende ist langfristig im Aufwärtstrend. 2023 lag sie bei 1,80 Euro, sechsmal höher als 2003. In Krisenjahren wurde sie zwar strategisch verringert oder gestrichen. Ein Nachteil ist das nicht unbedingt. 

Hier macht sich der Kulturunterschied zwischen Europa und den USA bemerkbar: Amerikanische Unternehmen halten oft dogmatisch an ihrer Ausschüttungspolitik fest, zulasten von Bilanz und Investitionen. So hatte Boeing seine Quartalsdividende jahrzehntelang stetig angehoben, nur um sie seit 2020 komplett zu streichen. Auch Dividendenaristokrat 3M kann sich seine fortwährend gestiegene Quartalsdividende kaum noch leisten.

Wer noch nicht von Airbus’ Qualität überzeugt ist, sollte in die Bilanzen blicken. Bei Boeing stehen 52 Milliarden Dollar Schulden gerade einmal 13 Milliarden Dollar an Barmitteln gegenüber, sodass unterm Strich die Verschuldung bei 39 Milliarden Dollar liegt. Bei Airbus ist die Bilanz hingegen positiv, die Nettobarmittel betragen acht Milliarden Euro. Eine beachtliche Summe, mit der das Unternehmen auf seinen Erfolgen aufbauen kann.

Mehr zum Thema französische Aktien, Künstliche Intelligenz, den US-Wahlen und News von Bill Gates hören Sie in der neuen Ausgabe unseres Podcasts „Leben mit Aktien.

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