interview

Stand: 01.12.2023 16:06 Uhr

In Deutschland leiden etwa 1,2 Millionen Menschen an einer Demenz. Fachverbände haben nun eine neue medizinische Leitlinie für ihre Behandlung erarbeitet. Früherkennung ist für den Neurologen Lars Timmermann besonders wichtig.

tagesschau.de: Herr Timmermann, was sind Anzeichen für eine Demenz?

Lars Timmermann: Jeder von uns kennt es, dass uns Dinge im Alltag etwas schwerfallen, dass man sich an Dinge vielleicht nicht mehr ganz so genau erinnert, dass man Dinge plötzlich regelhaft verliert oder verlegt – etwa das Portemonnaie neben der Butterdose landet. Oder man weiß nicht mehr: Wo steht eigentlich mein Auto auf dem Parkplatz?

Wenn solche Dinge andauernd passieren, dann ist es schon sinnvoll, mal mit seinen Ärzten zu sprechen und zu schauen: Könnte es sich um eine der vielen Formen der Demenz handeln?

Lars Timmermann

Zur Person

Professor Lars Timmermann. Er ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und Direktor an der Klinik für Neurologie an der Uniklinik in Marburg.

Alzheimer richtig diagnostizieren

tagesschau.de: Wohin kann ich dann als betroffene Person gehen?

Timmermann: Natürlich sind unsere Hausärzte gut geschult darin, erst mal im Screening zu gucken, was los ist. Aber am Ende des Tages sind natürlich Neurologinnen und Neurologen gute Ansprechpartner. Aber auch unsere psychiatrischen Kolleginnen und Kollegen sind gut geschult, so etwas auseinanderzuhalten. Denn ganz entscheidend ist es, herauszufinden, was für eine Form der Demenz es ist.

Drei Viertel der Patienten haben tatsächlich einen Morbus Alzheimer. Aber es gibt auch eine Reihe von Patienten, die etwas ganz anderes haben. Und das würde man natürlich gerne möglichst schnell, möglichst früh und möglichst genau herausfinden.

Neue Leitlinie für die Behandlung von Demenzpatienten

tagesschau.de: Und wie findet man das heraus?

Timmermann: Zunächst einmal ist es entscheidend herauszufinden, ob es überhaupt eine Demenz ist, was diese Menschen haben. Dazu haben wir inzwischen eine ganze Reihe von gut etablierten sogenannten Screening-Instrumenten, mit denen wir mit ein paar kurzen Tests herausfinden, ob in dem einen oder anderen Bereich von unserer geistigen Leistungsfähigkeit ein Defekt ist, ob wir uns Dinge nach wie vor gut merken können. Das wird geguckt, ob wir zum Beispiel eine Uhr mit einer Uhrzeit malen können, ob wir vielleicht auch in der Lage sind, uns so zu konzentrieren, dass wir aus einer Kette von Buchstaben bestimmte herausfinden – also verschiedene Konzentrationsmerkfähigkeits- und Konstruktionsaufgaben.

Es ist wichtig, herauszufinden, ob das Gedächnis überhaupt ein Problem ist oder zum Beispiel einfach ein Stimmungsproblem vorliegt. Es gibt zum Beispiel bei einer Depression die “Pseudodemenz”, und das muss man rausfinden.

Das zweite, was wir machen, und da ist die neue Leitlinie wichtig, ist, dass wir ein Bild vom Kopf machen. Am besten eine Kernspintomographie, eine MRT, bei der wir uns bestimmte Strukturen im Gehirn ganz besonders angucken. Und dann geht es darum, andere Erkrankungen, die mal mit einer Störung von Gedächtnis und Konzentration einhergehen können – zum Beispiel Schilddrüsenerkrankungen, Infektionserkrankungen – auszuschließen. Dazu nimmt man erst einmal Blut ab.

“Demenz früh erkennen”

tagesschau.de: Wie früh beginnt denn eine Demenz, wenn Sie sagen Früherkennung?

Timmermann: Erschreckenderweise in Ihrem und meinem Alter – und wahrscheinlich sogar noch vorher. Ich bin jetzt gerade 50 geworden. Wir müssen davon ausgehen, dass diese vielgefalteten Eiweiße über Dekaden zusammenklumpen und dazu führen, dass es letztlich Eiweißklumpen sind, die unser Gehirn, unsere Nervenzellen, gar nicht mehr so richtig loswerden. Dann kommt es zur Entzündungsreaktion, Funktionsverlust und Zelluntergang.

Und wenn es dann zusätzlich noch irgendwelche Durchblutungsstörungen dazukommen, wird es wirklich problematisch, weil die normalen Hirnfunktionen dann nicht mehr so gut funktionieren. Die sind ja darauf angewiesen, dass verschiedene Hirnareale miteinander kommunizieren und es ermöglichen, dass wir uns erinnern, dass wir vielleicht im richtigen Augenblick das richtige Wort haben, dass wir vielleicht auch wissen, wie wir eine Uhr malen.

Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir eine Demenz früh erkennen – eigentlich im mittleren Erwachsenenalter. Dann können wir überlegen, welche Risikofaktoren wir beeinflussen können. Für unsere Gene können wir nichts, aber das, was wir beeinflussen können, sollten wir doch idealerweise so gestalten, dass wir ein möglichst geringes Risiko haben, um Demenz wirklich zu bekommen.

“Bildung schützt gegen Demenz”

tagesschau.de: Jetzt rate ich mal: Dazu gehört wahrscheinlich gesundes Essen, Sport treiben, viel lesen… Was noch? Wie kann ich es beeinflussen, ob es eine Demenz wird oder nicht?

Timmermann: In der Tat gibt es ein paar Dinge, die Klassiker sind: Regelmäßige körperliche Bewegung ist gut. Nicht dick werden ist übrigens auch wichtig. Es ist wichtig, dass wir einen möglichen Bluthochdruck rechtzeitig eingestellt haben, um das Demenzrisiko zu reduzieren. Ebenso bei älteren Patienten ein Vorhofflimmern, also einen unrhythmischen Puls. Es gibt aber ein paar spezielle Sachen, die für die Demenz wichtig sind: Bildung zum Beispiel. Bildung schützt gegen Demenz. Wir müssen also in unsere Bildung investieren, und wir müssen auch dafür sorgen, dass Menschen nicht einsam werden. Das ist ja eine ganz schlimme Entwicklung. Gerade im Rahmen der Pandemie sind ja ganz viele Menschen in unserer Gesellschaft einsam geworden. Und Einsamkeit ist für uns Menschen gar nicht gut.

Ich habe ja lange in Köln gelebt, da ist das ja sozusagen erlebte Kultur, dass man miteinander ist – auch generationsübergreifend unterstützt gegen Demenz.

Diese Dinge sollten wir tun – und damit haben wir auch ganz gute Möglichkeiten. Und ein paar spezielle Sachen sind mir wichtig: Wir sollten Kopf-Traumata vermeiden – wie zum Beispiel beim Boxen oder auch Kopfbälle beim geliebten Fußball – das ist das ja leider auch Gang und Gäbe. Also mein Appell wäre doch bitte zumindest bei den Kindern und Jugendlichen das Kopfballtraining auf ein Minimum zu reduzieren oder vielleicht ganz darauf zu verzichten.

Neue Medikamente vor der Zulassung

tagesschau.de: Lassen Sie uns einen Blick auf die Medikamentenentwicklung werfen. Es gibt Medikamente, die in Zulassungeverfahren sind, die Demenz lindern können?

Timmermann: Wir haben schon Medikamente, die die kognitive Leistungsfähigkeit, also Gedächtnis und Konzentration, im Rahmen von einem Demenzprozess zumindest ein bisschen verbessern können. Das sind keine Einstein-Pillen, aber das ist schon etwas, was merklich bei vielen Patienten etwas ändert.

Wir konnten aber nie die Krankheit in ihrem Verlauf verbessern. Der Zustand wird im Verlauf der Krankheit, Jahr für Jahr, Monat für Monat etwas schlechter. Diesen Verlauf positiv zu beeinflussen, diese Möglichkeit steht jetzt endlich vor der Tür: Mit modernen Antikörpertherapien, wie das wahrscheinlich 2024 auf den Markt kommende Lecanemab oder Donanemab sind wir wahrscheinlich in der Lage, dieses Beta Amyloid aus dem Gehirn “rauszuwaschen”.

Und das Faszinierende ist, dass da nicht nur das Beta Amyloid fehlt, sondern, dass plötzlich die kognitiven Leistungsfähigkeiten bei diesem Patienten auch zumindest langsam besser werden können. Das ist für uns natürlich ein ganz neues Zeitalter. Noch sind die Medikamente nicht zugelassen, insofern ist das noch Zukunftsmusik. Wir sind aber sehr optimistisch in der Fachgesellschaft, dass das in den nächsten Monaten und Jahren kommen wird.

Das Gespräch führte Anja Martini, Wissenschaftsredakteurin tagesschau. Es wurde für die schriftliche Fassung gekürzt und redigiert.