Schon als Kind schrieb er Karl May um. Ihm gefiel nicht, dass die Schwester von Winnetou erschossen wird. Er kippte mit Andreas Baader ein Polizeiauto um, als der noch kein RAF-Terrorist war. Franz Beckenbauer schrie ihn an, weil er einschlief, als der Fußball-Kaiser ihm etwas erzählte. Tom Cruise hängte ihm eine Klage über 100 Millionen Dollar an. Mit Romy Schneider schlenderte er Arm in Arm, bis sie ihn empört stehen ließ. Hannelore Kohl rief ihn nachts in großer Aufregung an. Und Marlene Dietrich war ihm bis zu ihrem Tod unendlich dankbar.

Das aufregende Leben von Franz Josef Wagner (80) sprengt jeden Rahmen: Feuerwehrreporter, Bestsellerautor, Chefredakteur, BILD-Kolumnist – und Kriegsberichterstatter.

► Rund zweieinhalb Stunden steht er Paul Ronzheimer (38) in dessen Podcast Rede und Antwort. Und das ist keine Sekunde zu lang.

Ronzheimer berichtet selbst aus Kriegsgebieten, zuletzt aus dem Gazastreifen, und wurde für seine Ukraine-Berichterstattung zum „Journalisten des Jahres“ gewählt.

Die Reporter-Legende und der preisgekrönte Reporter – zwei Generationen Journalisten-Leben.

Bei Ronzheimer läuft die Berichterstattung heutzutage so: „Egal, ob in der Ukraine oder sonst wo: Meistens hast du selbst in den entlegensten Dörfern Empfang und kannst deiner Redaktion einen Bericht rüberkabeln. Du kannst live gehen mit dem Smartphone.“ Von Wagner will er wissen: „Wie war das damals in Saigon?“

Vietnamkrieg

1970. Wagner, damals 27 Jahre alt. „Mein iPhone war eine Olivetti-Reiseschreibmaschine. Die war leicht und schmal, die hast du im Handgepäck mit ins Flugzeug genommen. Ich schrieb auf dem Papier meine Berichte und dann telefonierte ich sie durch.“

BILD-Kolumnist und Schriftsteller Franz Josef Wagner im Gespräch mit BILD-Vize Paul Ronzheimer

BILD-Kolumnist und Schriftsteller Franz Josef Wagner im Gespräch mit BILD-Vize Paul Ronzheimer

Wagner sah das Grauen. „In Helikoptern konntest du mit den amerikanischen Soldaten mitfliegen und einfach so ein Dorf besuchen, wo vor einer Woche der Vietcong war. Die haben die Dorfältesten eingegraben, ihnen den Kopf abgeschnitten.“

Er sah aber auch Schönheit. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schön das war, wenn du Mädchen gesehen hast auf den Fahrrädern mit ihren weißen Blusen und schwarzen Hosen. Ihre schwarzen Haare, wie sie flackerten und vorne drauf riesige Blumensträuße hatten. Ich habe nur gedacht, ich schreibe für die.“

Wagner erzählt von Weltstars hautnah – und einem Mann, den später das ganze Land jagte.

RAF-Terrorist Andreas Baader

München, 60er-Jahre. In einer Billard-Kneipe schließt Wagner Freundschaft mit einem jungen Mann, Baader. „Zuerst muss ich mal sagen, dass es ein gut aussehender Junge war. Wir haben uns verabredet, getroffen und langsam wurden wir Kumpels und erzählten uns von unseren Träumen.“

„Worüber haben wir geredet? Über Mädchen. Was wir abends machen. Welche Kneipen? Gehen wir in den ,Türkendolch‘? Da wurden die ganze Nacht Horrorfilme gespielt.“

„Ich fand ihn nicht unsympathisch, und er war damals noch kein Mörder.“

Eine Schwabinger Spätsommernacht damals. Drei junge Leute singen zur Gitarre. Ein Anwohner beschwert sich. Polizei rückt an.

Mit dem späteren Terroristen pflegte Wagner eine Kneipenfreundschaft

Mit dem späteren Terroristen pflegte Wagner eine Kneipenfreundschaft

„Immer mehr Menschen versammelten sich um die kleine Gesangsgruppe. Die wollten, dass die Polizei verschwindet, und haben das Polizeiauto zum Kippen gebracht. Darunter war Baader. Und ich auch.“

Seine Freundschaft zum frühen Baader hat Wagner nie publik gemacht – bis ein Reporter auf Briefe von Baader stieß. Was er schrieb? „Vielleicht hätte ich auch zu BILD gehen sollen, hat er geschrieben, aus dem Gefängnis. Franz Josef hat es ja gemacht.“

Franz Beckenbauer

1977. „Das Schrecklichste, wofür ich mich ziemlich schäme! Beckenbauer spielte mal bei Cosmos New York. Man schickte mich nach New York, um sein Leben in Manhattan am Central Park zu beschreiben.“

Spielte in den 1970-Jahren in New York: Franz Beckenbauer (78)

Spielte in den 1970-Jahren in New York: Franz Beckenbauer (78)

„Da gibt es einen Outdoor-Club, da sind wir rausgegangen, und ich habe mein Tonband angemacht. Wir lagen auf den Liegestühlen und Beckenbauer erzählte so schön. Und ich schlief dabei ein. Ich war einfach ermattet, die Sonne und alles. Als er merkte, dass ich schlief, schrie er: ‚Bin ich ein Arsch für dich? Erzähle ich so langweilig?‘“

Boris Becker

1985, sein erster Wimbledon-Sieg. Wagner soll eine Serie über den neuen Superstar schreiben. Treffpunkt Monte-Carlo, 11 Uhr, Tennisclub. „Dann kam aus einer Kurve zu Fuß ein Junge. Hemdsärmlig. Er war 17. Er hat all die erwachsenen Gegner besiegt, er hatte keinen Führerschein. Er hat kein Mädchen geküsst. Hat nichts. Da hab ich gedacht: Das ist ein Tier! Und ich war wie ein Forscher, der einen seltenen Vogel anstarrt.“

Sie waren einmal sehr nah: Boris Becker und Wagner 2011

Sie waren einmal sehr nah: Boris Becker und Wagner 2011

Hannelore Kohl

1991. Helmut Kohls Sohn Peter hat in Italien einen schweren Autounfall. Wagner, damals „Bunte“-Chef, schickt Reporter vor Ort. Da klingelt nachts sein Telefon. Frau Kohl ist dran.

„Sie sagte: ,Wenn Sie die Autos zeigen und meinen Sohn zeigen, werde ich Sie verfolgen bis ans Ende Ihres Lebens.‘ Sie fleht und verflucht mich. ,Frau Kohl, ich kann nicht anders. Ich muss das machen.‘“

„Wie hat sie reagiert?“, fragt Ronzheimer nach. „Aufgelegt.“ Später hat Wagner Frau Kohl noch einmal getroffen. „Ich habe versucht zu erklären, dass ich das nicht ändern konnte. Sie war verbittert. Sie hat mir das nicht verziehen.“

Tom Cruise

1996. „Leere Lenden, volle Kassen“ titelt Wagner über ein Cruise-Interview, in dem der Filmstar über Adoptionen spricht, weil er angeblich selbst keine Kinder kriegen könne.

Ein paar Tage später rattert bei „Bunte“ ein Fax von 20 Anwälten aus Los Angeles durch – mit einer Klage auf 100 Millionen Dollar. Der Reporter, der das Interview führte, versicherte, Cruise habe das wirklich so gesagt.

Wagner: „Dann haben wir diese Meinung an das Anwaltsbüro in Los Angeles geschickt. Doch dann schickten die uns die Abschrift einer Tonbandaufnahme. Die Sekretärin von Tom Cruise hatte das Gespräch aufgezeichnet. Und da kam diese Passage nicht vor.“

Verklagte Wagner auf 100 Millionen Dollar: Tom Cruise (61)

Verklagte Wagner auf 100 Millionen Dollar: Tom Cruise (61)

Wagner feuert den Kollegen. Der klagt dagegen. Wagner bekommt vor Gericht recht. Und dann geschieht ein Unglück: Vier Burda-Manager sterben beim Absturz eines Privatflugzeugs im Nebel nahe Offenburg.

Zwei Tage später erreicht Wagner ein neues Fax von Tom Cruise. „Lieber Franz Josef Wagner! Ich bin Pilot. Habe erfahren, dass Ihre Manager beim Flugzeugunglück ums Leben gekommen sind. Ich ziehe meine Klage zurück. Tom Cruise.“

Muhammad Ali

1975. „Sein Ego war so stark, dass er sich vom Staat nicht unterkriegen ließ. Sie wollten ihn in die Armee einziehen, er sollte nach Vietnam. Da sagt er: ,Kein Vietnamese hat je zu mir N… gesagt. Warum soll ich sie erschießen?‘ Und er war musikalisch. Er hat Morgenläufe gemacht, mit Bleischuhen. Ich bin neben ihm gelaufen. Also, mir ging der Atem aus und er hat gesungen. Irgendwelche Gospels.“

Mit Box-Legende Muhammad Ali († 74) 1975 in Manila

Mit Box-Legende Muhammad Ali († 74) 1975 in Manila

Marlene Dietrich

1990. Sie lebte zurückgezogen in Paris, wollte sich nicht mehr öffentlich zeigen. Aber Wagner wollte gern aktuelle Fotos. Als ihm tatsächlich welche angeboten werden, schlägt er für 200 000 Mark zu. „Ich sehe die Fotos und erschrecke. Eine alte Frau versucht, mit Handtüchern ihr Gesicht zu verstecken. Sie wurde richtig überfallen.“

Er überlässt Dietrichs Tochter Maria Riva die Fotos, ohne sie zu drucken. Und erhält kurz darauf einen Brief von der Filmlegende. „Sehr geehrter Herr Wagner! Meine Tochter hat mir gesagt, was ich Ihnen zu verdanken habe. Sie sind der einzige Mann auf der Welt, der Prinzipien und Sitten hat. Meinen Dank kann ich nicht in Worten ausdrücken. Möge der Himmel Sie beschützen.“ Ab jetzt bleiben die beiden bis zu Dietrichs Tod in Telefonkontakt.

Marlene Dietrich († 90) telefonierte regelmäßig mit Wagner

Marlene Dietrich († 90) telefonierte regelmäßig mit Wagner

Romy Schneider

1969. „Ich traf sie in München zum Interview. Wir hatten ein wunderbares Gespräch und fanden uns wahnsinnig sympathisch.“ Zwischenfrage Ronzheimer: „Fandest du sie heiß?“ „Ja, sehr. Sie sagte zu mir: ‚Machen wir noch irgendwas?‘

Wir gingen dann Arm in Arm durch München und dann sagte ich zu ihr, so halb verträumt: ‚Also, ihr Schauspieler, ihr habt es gut. Ich muss heute Nacht noch die ganze Scheiße schreiben.‘ Ihr Arm löste sich von mir. Sie blieb stehen und sagte: ‚Hau ab!‘ Sie war einfach entsetzt.“

Romy Schneider († 43)

Romy Schneider († 43)

Jom-Kippur-Krieg

1973. Wagner berichtet mit dem Fotografen Sven Simon, dem Sohn von Axel Springer, vor Ort. Bei einem gemeinsamen Essen mit dem Verleger im „King David Hotel“ in Jerusalem erzählt Wagner, dass eine Geschichte von ihm nicht gedruckt wurde. Springer wollte wissen, welche.

„Wir waren in der Stadt Suez. Es war ein Waffenstillstand und die Israelis wollten ihre Toten holen. Da kam ein riesiges Taxi aus Tel Aviv, ein Mann kam raus und lud Tote ein. Er hörte uns Deutsch reden und kam zu uns. Er sprach auch Deutsch und sagte, dass er ein Begräbnis-Institut in Tel Aviv hat und aus Auschwitz komme. ‚Ich habe in Auschwitz schon als kleiner Junge als Totengräber gearbeitet. Ich habe immer Leichen bestattet. Und das bin ich geblieben.‘“

Mit Verleger Axel Springer († 73) vor dem „King David Hotel“ in Jerusalem

Mit Verleger Axel Springer († 73) vor dem „King David Hotel“ in Jerusalem

Dann habe Springer gesagt: „Du musst die Geschichte so erzählen, wie du sie mir gerade erzählt hast.“ Wagner: „Und am nächsten Tag habe ich sie dem Chefredakteur so erzählt. Und sie wurde gedruckt.“