„Karriere in Deutschland beenden“ 

Interview: Ex-Bayern-Profi Rafinha will Karriere in Deutschland beenden

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In der Liste der meisteingesetzten ausländischen Spieler der Fußball-Bundesliga belegt Rafinha den zehnten Platz und prägte sowohl beim FC Schalke 04 als auch beim FC Bayern München eine Ära mit. Besonders beim deutschen Rekordmeister hatte der Brasilianer eine starke Zeit. Neben Deutschen Meisterschaften und DFB-Pokal-Titeln gewann er 2013 auch die Champions League. Bei Transfermarkt sprach er im Juli 2023 über seine Laufbahn und den Wunsch, nach Deutschland zurückzukehren. Wir haben den Artikel noch einmal aus dem TM-Archiv geholt.

Die Liebe zum aktiven Fußball ist einfach größer, als die Möglichkeit in die Fußballrente einzutreten. Ein Satz, der die Situation von Rafinha gut beschreibt. Trotz seiner schon 37 Jahre gehört er beim sechsmaligen brasilianischen Meister FC São Paulo zum Stammpersonal. Dabei hätte er 2020 die Möglichkeit gehabt, auf dem Höhepunkt seiner Karriere abzutreten, schließlich gewann er in der Saison 2018/2019 mit Flamengo Rio de Janeiro sowohl die brasilianische Meisterschaft als auch die Copa Libertadores, das südamerikanische Pendant zur europäischen Champions League.

Naldo an der Spitze: Brasilianer mit den meisten Bundesliga-Einsätzen

20 – Roberto Firmino | 140 Einsätze

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für TSG Hoffenheim
Stand: Dezember 2023

1/21

20 – Robson Ponté | 140 Einsätze

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für Bayer Leverkusen und VfL Wolfsburg

2/21

19 – Vinícius | 144 Einsätze

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für Hannover 96

3/21

18 – Jorginho | 154 Einsätze

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für Bayer Leverkusen und FC Bayern

4/21

17 – Diego | 161 Einsätze

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für Werder Bremen und VfL Wolfsburg

5/21

16 – Josué | 164 Einsätze

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für VfL Wolfsburg

6/21

15 – Antônio da Silva | 168 Einsätze

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für Mainz, VfB, KSC und BVB

7/21

14 – Wendell | 186 Einsätze

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für Bayer Leverkusen

8/21

13 – Paulo Sérgio | 198 Einsätze

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für Bayer Leverkusen und FC Bayern

9/21

12 – Dante | 202 Einsätze

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für M’gladbach, Bayern und Wolfsburg

10/21

11 – Marcelinho Paraíba | 205 Einsätze

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für Hertha BSC und VfL Wolfsburg

11/21

10 – Aílton | 219 Einsätze

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für Werder, Schalke, HSV und Duisburg

12/21

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für Bayer Leverkusen und FC Bayern

13/21

8 – Luiz Gustavo | 245 Einsätze

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für Hoffenheim, Bayern und Wolfsburg

14/21

7 – Giovane Elber | 260 Einsätze

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für VfB, Bayern und M’gladbach

15/21

6 – Raffael | 290 Einsätze

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für Hertha, Schalke und M’gladbach

16/21

5 – Marcelo Bordon | 297 Einsätze

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für VfB Stuttgart und Schalke 04

17/21

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für Borussia Dortmund

18/21

3 – Rafinha | 332 Einsätze

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für Schalke 04 und FC Bayern

19/21

2 – Zé Roberto | 336 Einsätze

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für Leverkusen, Bayern und HSV

20/21

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für Werder, Wolfsburg und Schalke

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„Ich werde häufig gefragt, wie ich mit 37 Jahren noch so fit sein kann. Die Antwort ist einfach: Ich lebe extrem professionell. Ich habe einen privaten Athletiktrainer, einen privaten Physiotherapeuten und eine Privatköchin. Ich richte mein Leben voll und ganz auf den Fußball aus. Solange ich vor den Spielen noch Bauchkribbeln und Nervosität verspüre, weiß ich, dass es das Richtige ist. Die Liebe zum Fußball treibt mich jeden Tag an. Ich habe noch nie Druck verspürt, sondern einfach nur Freude und Dankbarkeit. Druck verspürt jemand, der arbeitslos ist und seine Familie ernähren muss“, erklärt Rafinha.

Rafinha: Anfangszeit bei Schalke „extrem hart für mich“

Gleichzeitig hätte er sich nie erträumt, eine solch erfüllende Karriere erleben zu dürfen, und wahrscheinlich wäre der Traum vom großen europäischen Profifußball auch schnell ausgeträumt gewesen, wenn Rafinha in Deutschland gescheitert wäre. 2005 wechselte er mit gerade einmal 19 Jahren ohne nennenswerte Profierfahrung, ohne seine Familie und ohne Deutschkenntnisse zum FC Schalke 04. Ein Alter, in dem man durch viele Eindrücke geprägt wird, und so erinnert sich der Rechtsfuß gut an die ersten Wochen in Deutschland.

Rafinha bei Schalke 04 im Jahr 2005

2005 kam Rafinha als Teenager zum FC Schalke 04

„Die Fans wissen meistens gar nicht, wie schwierig es für einen jungen Spieler ist, bei einem neuen Verein anzukommen und bewerten ihn nur nach den Leistungen. Die Anfangszeit war extrem hart für mich. Ich sprach kein Wort Deutsch. Den einzigen Satz, den ich anfangs konnte, war: ‚Hallo, mein Freund. Wie geht es dir?‘ Noch schlimmer als die Sprache war das Wetter. Im November und vor allem im Dezember habe ich zu meiner Familie gesagt: Ich will hier weg. Es waren zwar nur -10 Grad, aber es hat sich angefühlt wie -50 Grad. Nachdem ich den Winter überlebt hatte, war mir klar, ich bleibe“, erzählt der 37-Jährige lachend.

Dass vor allem südamerikanische Talente mit den Bedingungen in Deutschland nicht immer klarkommen und durchaus scheitern, ist hinlänglich bekannt. Doch genau das wollte der Rechtsfuß auf keinen Fall. Dementsprechend hielt sich der Rechtsverteidiger besonders in der Anfangszeit an Marcelo Bordon, der für ihn wie ein Mentor agierte. „Mein erstes Champions-League-Heimspiel war gegen AC Mailand. Vor der Partie übernachteten wir im Hotel, und ich teilte mir mit Marcelo Bordon das Hotelzimmer. Ich war so nervös, ich konnte einfach nicht schlafen. Irgendwann hat es Marcelo mitbekommen und mir wie ein väterlicher Freund erklärt, warum ich gegen Mailand gut spielen werde. Die Sätze haben mich aus welchen Gründen auch immer beruhigt. Zum Schluss sagte Marcelo: ‚Jetzt wird geschlafen. Ansage von mir.‘ Und tatsächlich spielte ich am Ende gegen Milan richtig gut“, erinnert sich Rafinha schmunzelnd zurück.

Rafinhas unangenehmste Gegenspieler: Ronaldinho, Ribéry und Maik Franz

Auf diese Partie blickt er noch aus einem anderen Grund gerne zurück: „Damals spielte Cafu, mein absolutes Idol, für Milan“, sagt Rafinha. „Wenige Wochen zuvor trainierte ich mit ihm, weil die brasilianische U20-Nationalmannschaft im gleichen Hotel weilte wie die Seleção. Ich bat ihn nach dem Training ganz schüchtern um ein Foto. Nach unserer Partie kam er auf mich zu und sagte: ‚Ich habe dir damals gesagt, im Fußball ist alles möglich. Du kannst alles erreichen, wenn du an dich glaubst. Herzlich willkommen bei den ganz Großen in der Champions League.‘ Das hat mich wahnsinnig beeindruckt.“

Mit jeder absolvierten Ligapartie gewann Márcio Rafael Ferreira de Souza, so der bürgerliche Name Rafinhas, an Sicherheit und entwickelte sich zu einem der gefragtesten Rechtsverteidiger in der Bundesliga. Besonders die Schalke-Fans halfen ihm bei seiner Entwicklung. „Bei jedem Heimspiel haben wir Spieler die Kurve hinter uns gespürt. Immer wenn ich die Gesänge ‚Rafinha, oho‘ gehört habe, bin ich einen Meter extra und noch schneller an die Grundlinie gelaufen. In Brasilien wird Schalke manchmal als kleiner Verein wahrgenommen, dabei gehört dieser Klub mit seiner Atmosphäre zu den größten Vereinen in Europa“, betont der frühere „Knappe“, der bei der Aufzählung seiner drei unangenehmsten Gegenspieler neben RonaldinhoFranck Ribéry auch Maik Franz nennt.

„Franck war genial. Du wusstest nie, ob er jetzt links oder rechts vorbeigeht. Auch menschlich ist Franck überragend. Er kann alleine eine Mannschaftskabine zum Beben und Lachen bringen. Ronaldinho war hingegen noch lockerer Weltklasse, einfach ein Zauberer. Er gab jedem Pass eine Form von Magie mit. Wenn es aber um den härtesten Gegenspieler geht, dann ist es Maik Franz. Gegen ihn zu spielen war nicht schön. Das war brutal und tat häufig weh. Wobei ich auch kein Kind von Traurigkeit war. Jupp Heynckes nannte mich immer einen Sauhund“, lacht der 332-fache Bundesligaspieler.

Rafinha: Magath verhinderte Bayern-Wechsel – Quälix-Training „nicht so meins“

So professionell sich Rafinha auf dem Platz verhielt, so ganz ohne Flausen konnte er dann doch nicht. Besonders seine brasilianischen Partys sollen legendär gewesen sein. Wie passte das zusammen? „Ein Brasilianer braucht seine Freiheiten. Ich finde, solange er seine Leistungen bringt, sollten sie ihm auch gewährt werden. Besonders Mirko Slomka hat das verstanden und mir die Freiheit gewährt. Ich erinnere mich an eine Auswärtsfahrt, da haben Lincoln, Marcelo Bordon, Kevin Kuranyi und ich kleine Trommeln mit in den Bus genommen und einfach losgetrommelt. Einige Mitspieler haben merkwürdig geguckt, aber uns hat es glücklich gemacht, und wir haben das Spiel am Ende gewonnen.“

Die ganz große Leichtigkeit hingegen verflog mit der stärker geforderten Disziplin unter Neu-Trainer Felix Magath. Mit großen Erwartungen und ebenso großer Macht, als Manager, Cheftrainer und Vorstand Sport in Personalunion, war er als Meistermacher vom VfL Wolfsburg zu den Königsblauen gewechselt. Doch bereits nach den ersten Trainingseinheiten wusste Rafinha, dass der Spaß in den Hintergrund geraten wird. „Ich habe unter Felix Magath viel gelernt. Ich finde, er ist auch ein guter Trainer, aber ich würde ihn nicht zu meinen Trainer-Favoriten zählen. Ich brauche, um meine Leistungen abzurufen, Spaß und Freude im Training. Ich finde, mehr Lockerheit und Lachen gehören einfach dazu. Bei Magath lief viel über Disziplin und Ernsthaftigkeit, das war nicht so meins.“

In dieser für ihn schwierigen Phase signalisierte der FC Bayern München sein Interesse. Doch während viele im Klub einem Wechsel positiv gegenüberstanden, untersagte Magath den Wechsel zum deutschen Rekordmeister. „Ich hatte viele Anfragen: Inter und AC Mailand wollten mich unbedingt holen, auch der FC Liverpool war interessiert. Ich wollte aber nur zu den Bayern. Magath sagte mir ganz deutlich, dass ich unter ihm nirgendwo hingehen werde“, so Rafinha. Der Rechtsverteidiger wechselte schließlich zum CFC Genua, mit dem Hintergedanken, sich über diesen Umweg zu einem späteren Zeitpunkt dem FC Bayern anschließen zu können. Was in der Tat auch passierte. Nur ein Jahr später fand er den Weg nach München.

Rafinhas Trainer-Favoriten: Carlo, Jupp, Pep – „Eisige Stimmung“ unter Kovac 

Für den viermaligen brasilianischen Nationalspieler war vor allem der Konkurrenzkampf eine große Umstellung. Während er bei Schalke nahezu konkurrenzlos war, musste er beim Rekordmeister um den Platz kämpfen. Dies hatte unter anderem zur Folge, dass er das Champions-League-Finale 2013 nur von außen verfolgen durfte. „Natürlich hätte ich den Sieg gerne auf dem Platz gefeiert, aber zu dem Zeitpunkt war Philipp Lahm einfach Weltklasse auf der Position als Rechtsverteidiger. Ich durfte jedoch während der Saison einen großen Teil dazu beitragen, dass wir überhaupt so weit gekommen sind, und bin bis heute stolzer Teil der Triple-Legenden. Darauf blicke ich verdammt gerne zurück“, betont Rafinha.

Erst in der Saison 2013/14 schaffte er den endgültigen Durchbruch beim Rekordmeister. Verbunden mit der Versetzung von Philipp Lahm ins defensive Mittelfeld, setzte der damalige Bayern-Trainer Pep Guardiola auf der Rechtsverteidiger-Position auf Rafinha. Für ihn ist der Spanier einer der besten Trainer, unter dem er trainieren durfte. „Ich verdanke Pep unfassbar viel. Er hat entgegen der ganzen Kritiker auf mich gesetzt und von Beginn klargemacht, dass ich sein Rechtsverteidiger bin. In jedem Training, in jedem Spiel habe ich das Vertrauen gespürt. Jede Einheit unter Pep war vergleichbar mit einem Bundesligaspiel. Es gab immer wieder etwas Neues. Er hat uns jeden Tag nach vorne gebracht.“

Rafinha mit Robben und Ribéry beim FC Bayern

Zwischen 2011 und 2019 holte Rafinha in München sieben Mal die Meisterschaft

Weshalb er über Guardiola nicht vom besten seiner Trainer spricht, hängt auch mit Jupp Heynckes und Carlo Ancelotti zusammen. Unter den Trainerlegenden absolvierte Rafinha ebenfalls eine Vielzahl von Partien im Bayern-Dress. „Jupp und Carlo sind einfach überragend. Sie waren nicht nur für mich wie Vaterfiguren. Beiden war es extrem wichtig, dass innerhalb der Kabine eine gute Atmosphäre herrschte und die Spieler immer gut gelaunt zum Training kamen. Bei Niko Kovac habe ich hingegen leider das komplette Gegenteil erlebt. Ich weiß nicht, warum diese eisige Stimmung herrschte, aber sie war nicht besonders förderlich.“

Rafinha: Gespräche über Rückkehr – „Karriere unbedingt in Europa beenden“

Obwohl immer vom großen FC Bayern München gesprochen wird, empfand der Ex-Bundesligaspieler, der insgesamt sieben Meistertitel, vier DFB-Pokal-Erfolge sowie einmal den Champions-League-Titel und einmal die FIFA-Klub-Weltmeisterschaft mit den Münchnern feiern durfte, eine familiäre Atmosphäre innerhalb des Klubs. Der damals tränenreiche Abschied lag laut Rafinha auch daran, dass er mit seinem Weggang aus München viele Freunde zurückließ.

„Für mich ist der FC Bayern kein Verein, er ist eine Familie. Egal, ob du den Zeugwart triffst, einen Mitarbeiter im Fanshop oder im Büro, jeder geht mit Freude zur Arbeit und genießt es, für die Bayern arbeiten zu dürfen. Für mich sind Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge für diese Entwicklung verantwortlich. Man hat in den letzten Monaten gesehen, was mit dem Klub passiert, wenn die beiden nicht mehr da sind. Sie sind die Gesichter des FC Bayern München“, macht Rafinha klar.

Die Bundesliga verfolgt er auch heute noch sehr genau und ist zum zehnjährigen Treffen der Triple-Legenden am 23. Juli wieder zurück in München. Ein Besuch, der ein kleiner Fingerzeig in Richtung Abschluss der Karriere sein könnte: „Ich will meine Karriere unbedingt in Europa und am liebsten in Deutschland beenden. Tatsächlich gab es schon erste Gespräche, und ich würde mich freuen, wenn wir uns schon bald wieder in der Bundesliga sehen.“

Interview von Henrik Stadnischenko



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