Statt Fomo

Silvester alleine zu feiern, kann richtig wohltuend sein.

Silvester alleine zu feiern, kann richtig wohltuend sein.

© Quelle: Unsplash

Die Entscheidung, Silvester allein zu feiern, kann verschiedene Gründe haben – wird aber in vielen Fällen eher stirnrunzelnd aufgenommen. Dabei ist dieser Tag eigentlich perfekt, um sich mal so richtig Zeit für sich selbst zu nehmen, meint die Psychologin Sandra Jankowski.

Heidi Becker

Der Schauspieler Florian David Fitz macht es vor: Ihm zufolge ist es „der größte Luxus überhaupt“, wenn einem danach sei, einfach schlafen zu gehen, während es um einen herum „böllert und leuchtet“. Und warum eigentlich auch nicht? Wer schreibt einem vor, dass es an Silvester immer hoch hergehen muss?

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Fomo vor allem an Silvester

Die einen freuen sich das ganze Jahr auf den Jahreswechsel und sehnen sich Böller, Wachsgießen und Bowle herbei. Andere bringen Silvester vor allem mit Stress und ernüchternden Jahresbilanzen in Verbindung oder sehen nicht ein, warum mit Silvester ein Schlussstrich unter das „doch eigentlich gute alte Jahr“ gezogen werden soll – nur um ins ungewisse neue Jahr zu stolpern.

Aber wieso feiern viele Menschen Silvester selbst dann in großer Runde, wenn sie eigentlich davon genervt sind? Laut Psychologin Sandra Jankowski liegt das vor allem an unserer Angst, etwas zu verpassen.

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Silvester findet nur einmal im Jahr statt. Klar, dass viele Menschen da der sogenannten Fomo („Fear of missing out“) verfallen – der ständigen Angst, etwas zu verpassen. Und die kann uns an Silvester so richtig packen, denn: „Silvester ist ein sehr geselliges Fest, es soll das neue Jahr begrüßt werden und alle Menschen wünschen sich gegenseitig ein ‚Prost Neujahr‘“, erklärt Jankowski. Wer dann alleine zu Hause sei, könnte ziemlich schnell das Gefühl bekommen, etwas zu verpassen.

Wichtig: bewusst Auszeiten schaffen

Aber woher kommt diese Angst? „Wir Menschen sind ständig auf der Suche nach Anerkennung, Wertschätzung und Zugehörigkeit“, erklärt Jankowski. Um diese zu erreichen, vergleichen wir uns der Psychologin zufolge täglich bewusst oder unbewusst mit anderen Menschen, denen wir ähneln oder die für uns eine Art Vorbild sind. Dieser Vergleich sei bis zu einem gewissen Maße zwar normal, könne uns aber – gerade wenn der Vergleich negativ ausfalle – das Gefühl geben, dass wir nicht dazugehören, langweilig oder sogar nichts wert seien. „Dann glauben wir plötzlich, auf jeder Party sein zu müssen, um nichts Wichtiges zu verpassen oder in den Hintergrund zu geraten“, sagt Jankowski.

Sandra Jankowski ist Psychologin und Mitglied im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Sandra Jankowski ist Psychologin und Mitglied im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

© Quelle: privat

Diesen Teufelskreis könne man der Psychologin zufolge nur durchbrechen, wenn man sich bewusst Auszeiten schafft und sich in Achtsamkeit und Langsamkeit übt. Hilfreich sei auch, „sich auf die eigenen positiven Eigenschaften und Fähigkeiten zu besinnen und offen für den Moment zu sein“, erklärt Jankowski. Dazu gehöre es auch, allein sein zu können – was vielen Menschen schwerfällt. „Wenn wir ganz mit uns allein sind, dann werden wir nicht von anderen Dingen oder Menschen abgelenkt, wir können uns mehr auf uns konzentrieren“, sagt Jankowski. Natürlich ist es auch wichtig, Zeit mit anderen Menschen zu verbringen – die Me-Time sollte man aber nicht vergessen.

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Besonders emotional an Silvester

Wenn man einmal in den Internetforen stöbert, ist das Thema „Silvester allein feiern“ viel diskutiert. Eine Userin schreibt etwa, dass sie niemanden gefunden habe, der mit ihr feiere, und sie aus diesem Grund allein feiern müsse. Die Userin fragt nach Gestaltungstipps für den Abend, um nicht „in tiefe Trauer“ zu verfallen. In einem anderen Forum erklärt ein User, der plant, den Jahreswechsel allein zu feiern, dass er zwar ohnehin kein großer Fan von Silvester sei, ganz allein zu sein aber auch „komisch“ und „frustrierend“ sei.

An Silvester besonders emotional oder sogar deprimierter zu sein ist laut Jankowski nicht unüblich: „Meist, weil man sich im Jahres­rückblick nur die negativen Erinnerungen vor Augen hält und nicht das, was positiv gelaufen ist.“ Wer in großer Runde mit anderen Menschen zusammensitzt, ist für solche Gedanken oft viel zu abgelenkt.

Und doch nur ein Tag wie jeder andere

Dabei kann es auch richtig schön sein, Silvester allein zu verbringen – man muss nur wissen, wie. In einem Internetforum bestätigt dies eine Person, die Silvester nach eigenen Angaben „seit Jahren“ allein feiere und sich mit gutem Essen und Sekt einen schönen Abend mache – und zwar freiwillig und weil sie es so möchte. Jankowski erklärt, dass das für Menschen, die allein feiern wollen oder müssen, genau der richtige Weg sei. Am besten mache man es sich so richtig gemütlich und nimmt sich eine Me-Time – mit dem Lieblingsessen zum Beispiel. „Das ist doch der ideale Zeitpunkt, sich schöne Ziele vorzunehmen und auf positive Dinge zurückzublicken“, erklärt die Psychologin.

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Für diejenigen, die Me-Time bislang gar nicht auf der Agenda hatten: Vielleicht ist Silvester genau der richtige Tag, mit gemütlich verbrachter Zeit für sich selbst ins neue Jahr zu starten. Und wer dann doch einmal in Fomo verfällt: Im Endeffekt sei Silvester ein Tag wie jeder andere, gibt Jankowski zu bedenken.