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Von: Romina Kunze

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Die einen klatschen Beifall, die anderen schütteln mit dem Kopf: Eine TikTokerin lässt die Debatte um die Arbeitsmoral der Gen Z abermals aufkochen. Zurecht?

München – Keine Minute vor ihrem eigentlichen Dienstbeginn werde sie einen Finger krümmen, sagt Lisa Marie Meyner. Die TikTokerin empört sich in einem ihrer Kurzclips. Ein Vorfall mit zwei ihrer Kolleginnen veranlasste die junge Frau zu einer aufgebrachten Botschaft an die Netzwelt.

Die reagierte prompt. Vor allem jene, die der nachrückenden Generation eine zu laxe Arbeitsmoral unterstellen, sehen sich in dem Video bestätigt. Doch: Das Arbeitsrecht hat die aufsässige Influencerin auf ihrer Seite.

„Ich lasse mich doch nicht kostenlos ausnehmen“ – TikTokerin empört über Aufruf zu mehr Einsatzwillen

Immer wieder machen junge Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf den Social-Media-Plattformen ihrem Ärger Luft. Nicht selten lösen diese Beiträge hitzige Debatten aus. So wie eine andere junge Influencerin, die sich über die Arbeitslast und fehlende Freizeit einer 40-Stunden-Woche auslässt. Auch Meyner lässt in ihrem Kurzvideo ordentlich Dampf ab.

„Ich würde niemals irgendwo arbeiten, oder länger arbeiten beziehungsweise früher anfangen, wenn ich dafür nicht bezahlt werde“, wütet sie. Genau dazu habe eine ihrer Mitarbeiterin sie aber ermutigt. Eine dritte Beschäftigte sei zwanzig Minuten vor Dienstbeginn bereits an ihrem Arbeitsplatz gewesen, worauf hin Meyner angeraten wurde „sich ein Beispiel zu nehmen“, wie sie wutschnaubend rekonstruiert.

„Wenn ich für zehn Uhr bestellt werde, stehe ich um zehn Uhr im Laden“, stellt sie klar. Früher anzufangen, komme für sie gar nicht infrage. „Dafür werde ich doch nicht bezahlt.“ Wohingegen sie gegen die entsprechende Entlohnung sich auch schon „eine halbe Stunde früher in diesen Sche**laden“ stelle, so Meyner.

„Ich lasse mich doch nicht kostenlos ausnehmen“, stellt sie klar. Und steht damit nicht alleine da: laut Umfrage würden viele junge Arbeitnehmer lieber kündigen, als sich unglücklich zur Arbeit zu schleppen.

Faul oder nachvollziehbar: Thema Arbeitsmoral spaltet die Meinungen

In den Kommentaren zu dem TikTok-Video stimmen ihr einige zu. Eine, nach eigenen Angaben, Kassiererin einer bekannten Discounter-Kette etwa pflichtet bei und teilt ihre Erfahrungen aus dem Frühdienst in den Kommentaren: „Anfangen 6 Uhr. Bezahlt wirste ab 6.30 Uhr. Unfassbar!“

Das Gros der User reagiert jedoch mit Unverständnis. „Ich bin immer zehn Min vorher da“, schreibt eine. Sie müsse vor Dienstbeginn noch den Computer hochfahren, den Laden salonfähig und die Kasse bereitmachen. Die Schilderung von Meyner sei ein Paradebeispiel für die Motivationslosigkeit der Gen Z, die auch IHK-Chefin Ingrid Obermeier-Osl kritisierte.

„Du musst um 10 Uhr bereit sein, deine Schicht anzutreten und nicht erst um 10 auf der Arbeit eintrudeln“, belehrte ein anderer. „Dafür wirst du bezahlt. Das bedeutet zwangsläufig, dass du früher auf der Arbeit sein MUSST, damit du dich vorbereiten kannst auf deine Schicht“, führt er aus.

Vor Dienstbeginn startklar sein? „Rüstzeit“ ist Arbeitszeit

So ganz stimmt das nun nicht. Denn das, was Arbeitnehmer zur Vorbereitung tun müssen, um überhaupt arbeiten zu können, nennt sich nach Verständnis des Arbeitsrechts „Rüstzeit“. Sich eine Tasse Kaffee zu kochen mag im Verständnis des einen oder anderen Beschäftigten ein Streitfall sein, zählt aber natürlich nicht zur Rüstzeit. Damit ist eher das Hochfahren des Computers gemeint, sofern dieser denn für die Arbeit unerlässlich ist. Oder andere Vorbereitungen für die Arbeit.

„Grundsätzlich beginnt die Arbeitszeit bereits in dem Moment, ab dem der Arbeitnehmer den Startknopf des Computers betätigt“, erklärt Livia Merla, Fachanwältin für Arbeitsrecht der mgp-Kanzlei in Berlin, gegenüber der Berliner Morgenpost. Neben der Vorbereitung zähle auch das Aufräumen am Ende eines Arbeitstages gemäß dem Arbeitszeitgesetz (ArbZG) zur Arbeitszeit.

Gemäß Absatz 3 des ArbZG darf ein Arbeitgeber von seinen Beschäftigten nur in Ausnahmen mehr als acht Stünden täglich erwarten. Verlangt er es dennoch, können ihm laut arbeitsrechte.de 30.000 Euro Bußgeld blühen. Studien zeigen, dass übermäßiges und unausgeglichenes Arbeiten gesundheitsgefährdend ist.

Doch: Der Arbeitsweg ist Privatsache, er zählt ausdrücklich nicht zur Arbeitszeit. Ausgenommen: Dienstreisen. Wer also fünfzehn Minuten nach Dienstbeginn noch immer nach einem Parkplatz sucht, hat eine Viertelstunde Arbeitszeit versäumt. Unpünktlichkeit gilt als Verletzung der Arbeitspflicht und kann eine Abmahnung oder sogar die Kündigung nach sich ziehen. Für gewöhnlich sieht ein Chef eine Verspätung demjenigen eher nach, der sonst rechtzeitig oder gar überpünktlich auf der Matte steht. (rku)

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