Als der Landeshauptmann und drei Landesräte vor rund zwei Wochen in Reutte das 500 Millionen Euro schwere „Fernpass-Paket“ vorstellten, war es wie der besagte Stich ins Wespennest. Dabei geht es kaum um den Bau der zweiten Röhre des Lermooser Tunnels um immerhin 250 Millionen Euro, sondern der Bau des bemauteten, 1,4 km langen Fernpasstunnels (160 Millionen Euro) zwischen Blindsee und „Haarnadelkurve“ sorgte und sorgt für Schwärme an Gegnern.

Der Sinn des Mega-Projektes erschließt sich offenbar niemandem, zumindest nicht jenen, mit denen die „Krone“ jüngst gesprochen hat. Natürlich: Repräsentativ ist dies nicht, eine Tendenz zeigt es aber allemal.

160 Millionen für drei Minuten Zeitersparnis, die an der Mautstelle wieder verloren gehen, das ist für mich nicht nachvollziehbar.

Die Landesregierung geht zumindest fünf Risiken ein
So wurde der „Krone“ aus Insiderkreisen zugetragen, dass eine Mehrzahl der Bürgermeister der Anrainerdörfer in Wahrheit die Tunnelpläne nicht unterstützt, obwohl die vier Obleute der Planungsverbände die Vorhaben des Landes in einer offiziellen Aussendung goutiert haben. So sagt etwa der Reuttener Markt- und bald Stadtchef Günter Salchner: „160 Millionen für drei Minuten Zeitersparnis, die an der Mautstelle wieder verloren gehen, das ist für mich nicht nachvollziehbar.“ Und für viele nicht nachvollziehbar sind die Risiken, die das Land Tirol mit dem Tunnelprojekt eingeht.

Risiko 1: das Tonnenlimit: Zurzeit gilt am Fernpass ein Lkw-Fahrverbot über 7,5 Tonnen, Ziel- und Quellverkehr ausgenommen. Dies sehen auch Experten in Gefahr, denn dass die Frächterlobby nach dem Tunnelbau in Brüssel eine Klage einbringen wird, gilt so sicher wie das Amen im Gebet. Sollte die EU die 7,5-Tonnen-Begrenzung kippen, wäre das der Super-GAU und genau das, was man verhindern wollte, nämlich eine neue Transitroute.

Das Projekt Fernpasstunnel erhitzt die Gemüter.

(Bild: Land Tirol (Webcam))

Risiko 2: Ausweichrouten: Wer den Fernpass passiert, wird 14 Euro Maut für eine Einzelfahrt löhnen müssen, egal, ob er durch- oder drüberfährt. Sowohl die 10-Tages-Vignette, als auch die Maut durch den 14 km langen Arlbergtunnel sind mit 11,50 Euro günstiger. Unsere nördlichen Nachbarn sind als Sparmeister bekannt und müssten auf der S 16 nach 20 Kilometer erneut in die Brieftasche greifen. Die werden Alternativrouten suchen. Auf deutschen Webseiten werden diese längst beworben, sodass betroffene Allgäuer Kommunen sogar eine Petition starten wollen. Im Außerfern angekommen werden wohl viele die Route Ehrwald-Garmisch-Seefeld wählen. Eine Folge kann der Ruf der betroffenen Dörfer nach Umfahrungen sein. Auch das motorradlärmgeplagte Hahntennjoch wird eine Option. Deswegen wolle man im Land auch hier eine Bemautung prüfen.

Die Familie Dolle als Unternehmer am Fernpass fürchtet Verwaisung.

(Bild: DAUM Hubert)

Risiko 3: die „Regionalförderung“: Gleichzeitig mit dem Fernpasspaket wurde eine „Regionalförderung“ von 150 bis 290 Euro jährlich für jeden Haushalt des Bezirkes Reutte präsentiert. Regionalgutscheine, die bei den heimischen Betrieben einlösbar sind. EU-rechtlich ist es nicht erlaubt, den Einheimischen eine Mautbegünstigung oder gar eine Befreiung anzubieten. Deswegen ist man im Land extrem bemüht, zu kommunizieren, dass es zwischen Maut und Regionalförderung keinen Zusammenhang gibt. Nun ist es aber keine Sternstunde der Intelligenz, diese Wechselwirkung herzustellen. Auch das wird sich die EU wohl ansehen. Außerdem könnte man die Regionalgutscheine als „Parallelwährung“ betrachten. Grünen-Chef Gebi Mair warnt: „Die nicht konvertible Parallelwährung wird von der Europäischen Zentralbank möglicherweise nicht akzeptiert.“

Wenn ich eine Runde um den Fernsteinsee spazieren will, werde ich zur Kasse gebeten. Das ist irre!

Risiko 4: eine Diskriminierung: In Nassereith herrscht Entsetzen. Die südliche Mautstation ist zwischen Rastland und Fernstein geplant. „Muss ich also Maut bezahlen, wenn ich mein Vieh auf unsere Alm bringe?“, wettert ein Bauer. Eine Nassereitherin: „Wenn ich eine Runde um den Fernsteinsee spazieren will, werde ich zur Kasse gebeten. Das ist irre!“ BM Herbert Kröll winkt ab: „Ich habe bereits deponiert, dass es nur eine Mautstation geben kann, nämlich die beim Blindsee. Unsere Gemeindebürger müssen sich in ihrer Gemeinde mautfrei bewegen können.“ Im Prinzip können sich die Einwohner des gesamten Bezirkes Imst diskriminiert fühlen. Fahrten in Richtung Außerfern sind genauso unumgänglich. Reutte hat ein Krankenhaus und große Arbeitgeber wie die Plansee Group und einige mehr. Doch für die „Enterferner“, die Bewohner im Bezirk Imst, ist keine Regionalförderung vorgesehen.

Schon zu lange müssen die Menschen im Bezirk Reutte auf Verbesserungen der Verkehrssituation warten.

Anton Mattle

Bild: Christof Birbaumer

Risiko 5: eine Blockabfertigung mehr: Eine 2014 in Auftrag gegebene Verkehrsstudie attestiert Blockabfertigungen auch am Fernpasstunnel speziell in Richtung Norden. Aus dem Landhaus heißt es, diese Studien seien veraltet und obsolet, weil sie in Kombination mit dem Tschirganttunnel erstellt wurden und zudem eine Bemautung nicht berücksichtigt wurde. Klar ist aber: Es gibt 4,8 Kilometer weniger Stauraum und so wird wohl die Kolonne an Reisetagen in Richtung Imst länger werden. Fakt ist: Es braucht noch sehr, sehr viel Überzeugungsarbeit!

Die Regierungsspitzen bei der (folgenschweren) Präsentation in Reutte.

(Bild: Land Tirol)

Das Bemühen der Regierung ist offensichtlich
„Schon zu lange müssen die Menschen im Bezirk Reutte auf Verbesserungen der Verkehrssituation warten“, eröffnete LH Mattle am 24. Jänner die Medienkonferenz, „nun machen wir Nägel mit Köpfen.“ Das von der Landesregierung erklärte Ziel des „Fernpass-Pakets“ sei eine sichere und verlässliche Anbindung des Bezirks Reutte an das Inntal. Dafür will man eine halbe Milliarde Euro in die Hand nehmen (zweite Röhre Lermooser Tunnel, Fernpasstunnel, „begleitende Maßnahmen an der B 179“). Dass sich die Stausituation bessert, wird nicht in Aussicht gestellt. Dazu heißt es: „Derzeitige Verkehrsmodellberechnungen gehen davon aus, dass sich die Push- und Pull-Effekte aufgrund der baulichen Verbesserungen auf der B 179 Fernpassstraße sowie die Einführung einer Bemautung in etwa die Waage halten werden.“ Heißt übersetzt: Es sind keine wesentlichen Verlagerungen des Verkehrs zu erwarten.

Im Rahmen der „Fernpass-Strategie“ werden bereits seit 2016 zahlreiche Maßnahmen zur Verbesserung der Verkehrssituation wie Lärmschutz, Dosiersysteme oder Unterführungen Schritt für Schritt umgesetzt. Der Fernpass bleibe mit 30.000 Fahrzeugen an Spitzentagen eine der meist belasteten Routen in Tirol. Man werde aber alles dafür tun, um den Problemen sukzessive Herr zu werden. Das „Fernpass-Paket” sei ein Meilenstein für die anvisierten Ziele.