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Von: Katja Kraft

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Federleichtes Glück: Wie im Traum, schwerelos fühlt man sich in Judy Chicagos „Feather Room“. So auch Andrea Lissoni, der Künstlerische Direktor im Haus der Kunst München.

Federleichtes Glück: Wie im Traum, schwerelos fühlt man sich in Judy Chicagos „Feather Room“. So auch Andrea Lissoni, der Künstlerische Direktor im Haus der Kunst München. © Astrid Schmidhuber

Die aktuelle Ausstellung „In anderen Räumen“ im Haus der Kunst in München ist ein Publikumsmagnet. Auf Social Media gibt es tausende Fotos. Unser Ausstellungstipp!

Ein total gewöhnlicher Donnerstag. Und das Haus der Kunst ist: voll. Münchens sympathischer Rattenfänger hat wieder zugeschlagen. Andrea Lissoni, lockiges Haar, strahlende Augen, sehr große Statur, noch größeres Herz, wurde 2020 künstlerischer Direktor des Hauses und legt seither immer wieder Speck aus, der nicht nur denen schmeckt, die sowieso ständig ins Museum gehen. Das darf man jetzt wirklich mal divers nennen: Alt und Jung, alle Hautfarben und Geschlechter, vor allem so viele Kinder folgen an diesem gewöhnlichen Donnerstag, an dem man sich mit Lissoni trifft, seinem Ruf. Und man muss lächeln angesichts der vier (!) Babys, die man während des Rundgangs umherkrabbeln sieht. Weil es einen an das Antritts-Interview mit Lissoni erinnert. Darin erzählte er von einem Erlebnis zu seiner Zeit an der Tate Modern in London. Ein Kind tat dort seine ersten Schritte. „Ich dachte: Das wird zu 100 Prozent einen Eindruck bei ihm hinterlassen.“ Und heute? Heute sorgt er dafür, dass viele Babys schon ganz früh von Kunst geprägt werden. Mit Ausstellungen wie „In anderen Räumen“.

Auf bestrumpften Füßen durch Lea Lublins „Penetración / Expulsión“ im Haus der Kunst in München: Andrea Lissoni und Kulturredakteurin Katja Kraft.

Auf bestrumpften Füßen durch Lea Lublins „Penetración / Expulsión“ im Haus der Kunst in München: Andrea Lissoni und Kulturredakteurin Katja Kraft. © Astrid Schmidhuber

Die passt perfekt zum Jahresstart. Neues Jahr, neue Räume. Die hübsch geschwungene und schon deshalb optimistisch stimmende 2024 ermuntert, mal einen Perspektivwechsel zu wagen. Diese Schau ist dafür die perfekte Spielwiese. Wohlgemerkt: kein Spielplatz. „Das ist manchmal etwas schwer zu vermitteln“, meint Lissoni schmunzelnd. Denn tatsächlich würde man am liebsten durch die in allen Farben des Regenbogens leuchtenden Installationen hüpfen. „Jeder soll diese Ausstellung auch körperlich genießen“, betont der künstlerische Direktor. Bittet aber darum, die filigranen Werke dabei nicht zu beschädigen. „Ich nenne es ein Ritual. Man kommt herein, zieht die Schuhe aus und geht in eine andere Welt, in eine andere Zeit. Mit allen Sinnen.“

Ohne Schuhe an den Füßen erkundet man die Ausstellung

Es ist ja erstaunlich, was allein das Schuhe-Ausziehen bewirkt. Wer barfuß geht, ist schutzloser, gleichzeitig: sensibler für die Welt. „Werden Sie zur Katze!“, hat Lissoni auf eine Tafel schreiben lassen. „Die gehen sehr langsam, mit dem ganzen Körper. Bedächtig, aufmerksam.“ Also dann: Streifen wir mit ihm los durch diese Ausstellung mit dem Untertitel „Environments von Künstlerinnen 1956-1976“. Sie beleuchtet grundlegende Beiträge von Frauen zur Geschichte der Environments. Ein Begriff, mit dem Lucio Fontana in den 1940er-Jahren seine experimentellen Werke beschrieb, alle an der Schwelle zwischen Kunst, Architektur und Design. Elf Künstlerinnen aus Asien, Europa, Amerika, die radikale Environments geschaffen haben, werden in der Schau vorgestellt. Ein erklärtes Ziel von Lissoni: der Kunstgeschichte neue Kapitel hinzuzufügen, die in Wahrheit alt sind, doch geschrieben mit unsichtbarer Tinte. Durch Ausstellungen wie diese färbt er sie ein. Zaubert vergessene Kunst ins Bewusstsein. „Meine Vision ist, nicht zu zeigen, was man schon kennt, sondern das, was man noch nicht kennt.“

Magisch: „Spectral Passage“ von Aleksandra Kasuba im Haus der Kunst in München.

Magisch: „Spectral Passage“ von Aleksandra Kasuba im Haus der Kunst in München. © Astrid Schmidhuber

Lea Lublins „Penetración / Expulsión“ (1970) etwa. Wer nicht sowieso schon höchste Ehrfurcht hat vor jeder Frau, die ein Kind auf diese schöne Welt gepresst hat, der laufe hurtig ins Haus der Kunst und presse sich durch diesen gigantischen Geburtskanal. Wie beim Zwängen in Lublins Installation jedenfalls könnte sich das im Kreißsaal angefühlt haben. Nur nasser, kälter, glitschiger. Für Mutti: schmerzhafter. „Eindringen/ Ausstoßen“, der Titel ist Programm. „Man muss bei allen Werken die Entstehungszeit mitdenken; wie hier Grenzen gesprengt wurden! Das sind radikale neue Formen der Skulptur.“

Hier staunen Groß und Klein: Besucherinnen und Besucher in Nanda Vigos verspiegelter „Ambiente cronotopico vivibile“ im Haus der Kunst in München.

Hier staunen Groß und Klein: Besucherinnen und Besucher in Nanda Vigos verspiegelter „Ambiente cronotopico vivibile“ im Haus der Kunst in München. © Astrid Schmidhuber

So auch Nanda Vigos „Ambiente cronotopico vivibile“ (1967). Ein verspiegelter Kubus. Doch eine Wand fehlt. Wer hineingeht, spiegelt sich oben, unten, rechts, links –nach vorne aber: der Blick ins Schwarze. Ein geöffneter Infinity Room. „Dadurch wird er noch interessanter. Die Umgebung zieht uns zu sich heraus.“ Wie auf einer Bühne fühlt man sich, wie ein Schauspieler, der die vierte Wand durchbricht. Selbstermächtigung. Lebensbühne. Wie gestalten wir von ihr aus? Oder Laura Grisis „Wind Speed 40 Knots“ (1968), die uns fast wegpustet – und nachempfinden lässt, was schon die Joan-Jonas-Schau im Haus der Kunst vermittelte: Unser Körper ist ein mächtiges Instrument. Es kann zerstören, es kann stärken, es kann wärmen, tatkräftig gehen, still stehen, es kann springen – und dabei für Sekunden fliegen.

Die Ausstellung begeistert bei Instagram, TikTok, Facebook und Co.

Federleicht fühlt man sich auch in Judy Chicagos „Feather Room“ (1965). In den Sozialen Netzwerken gibt es tausende Fotos von Besucherinnen und Besuchern, die sich in dieser spektakulären Arbeit wie auf Wolke 7 betten. Ein greller weißer Raum gefüllt mit Millionen weicher Federn. Ein Publikumsmagnet wie Fujiko Nakayas Nebel-Installation, die 2022 die Massen angelockt hat. Sich selbst spüren, auch: sich selbst inszenieren, das wird in Lissonis Konzept ganz natürlich mitgedacht. Nicht bemüht durch Selfie-Stationen wie in manch anderer einzig auf Kommerz schielenden Ausstellung. Der Erfolg gibt ihm Recht. Laut Hochrechnung wird „In anderen Räumen“ die besucherstarke Nakaya-Schau noch übertreffen, freut sich Lissoni. Und als er sich dann für unsere Fotografin von den Federn umspielen lässt, bemerkt man, wie die sich auch am eigenen Pullover festbappen. Überall liegen sie in den Ausstellungsräumen, wie Bienen den Blütenstaub, verteilen die Besucher sie unbewusst – und verbinden die Werke, die so eindeutig aufeinander bezogen sind, auch auf diese Weise miteinander. Während man diese Zeilen schreibt, entdeckt man eine kleine Feder auf dem Boden neben seinen Füßen liegen. Obwohl man völlig andere Kleidung trägt als am Tag des Besuches. Und seither doch schon viele Male um den Tisch herum gesaugt hat. Kunst, die nachwirkt. Bisschen gruselig. Sehr magisch. Und wunderschön. Bis 10. März 2024; Mo., Mi., Fr., Sa., So. 10 bis 20, Do. bis 22 Uhr; für den Besuch bitte ein Zeitfenster hier buchen.

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