This aerial photo show the burn-out Japan Airlines plane at Haneda airport on Wednesday, Jan. 3, 2024, in Tokyo, Japan. The large passenger plane and a Japanese coast guard aircraft collided on the ru ...

Die Überreste des Flugzeugs nach dem Brand.Bild: keystone

Weil die Crew an Bord diszipliniert reagiert hat, ist beim Crash eines Flugzeuges von Japan Airlines mit einer Maschine der Küstenwache niemand ums Leben gekommen. Das Verhalten der Besatzung ist die Folge von jahrelangem Training und einer lange zurückliegenden Katastrophe.

Ralph Steiner

Ralph Steiner

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Es grenzt an ein Wunder, dass beim Crash des Japan-Airlines-Flugs 516 am Flughafen Tokio niemand ums Leben kam. Der Airbus A350 ist am Montag aus Sapporo kommend bei der Landung mit einem Flugzeug der japanischen Küstenwache kollidiert. Inzwischen geht man davon aus, dass der Crash die Folge menschlichen Fehlverhaltens war.

Fünf Menschen an Bord der Maschine der Küstenwache – sie war mit Hilfsgütern auf dem Weg in die Erdbebenregion – kamen ums Leben, nur ihr Pilot hat den Zwischenfall verletzt überstanden. Die 367 Fluggäste und 12 Besatzungsmitglieder des Passagierflugzeugs haben jedoch alle überlebt. Doch selbst wenn die Bilder des in Flammen stehenden Flugzeugs heftig aussehen – von einem Wunder zu reden, ist nicht ganz richtig.

Die erfolgreiche Rettungsaktion ist das Ergebnis von jahrelangem Training, von Probe-Evakuierungen, von modernen Sicherheitsstandards, vom Willen der Verantwortlichen von Japan Airlines, dann bereit zu sein, wenn es darauf ankommt. Und sie basiert auf den Lehren aus einer Katastrophe, die vor allem jüngeren Generationen kein Begriff ist.

Eine Übersicht in fünf Punkten.

Japan-Airlines-Flug 123

Am 12. August 1985 hob eine Boeing 747 mit 509 Passagieren und 15 Crewmitgliedern vom Flughafen Tokio Haneda ab, mit dem Ziel, eine knappe Stunde später in Osaka zu landen. Kurz nach dem Start riss das Seitenleitwerk ab, was auf einen Fehler von Technikern des Flugzeugbauers Boeing zurückzuführen war.

Als Folge davon kam es in der Kabine zu einem massiven Druckabfall. Die Piloten verloren zunehmend die Kontrolle über das Flugzeug, an einem Berg streifte die rechte Tragfläche einen Gebirgskamm, die Maschine stürzte ab und zerschellte. 520 Personen starben. Nur vier überlebten.

Es ist bis heute der tödlichste Unfall mit nur einem beteiligten Flugzeug in der Aviatik-Geschichte. Und der letzte Zwischenfall von Japan Airlines, bei dem Menschen ums Leben kamen.

Die Folgen des verheerenden Crashs von 1985

«Die Auswirkungen auf die Fluggesellschaft Japan Airlines waren tiefgreifend», sagt Graham Braithwaite gegenüber CNN. Der Professor für Sicherheit und Unfalluntersuchung an der Cranfield University in Grossbritannien ist nicht erstaunt darüber, wie gut die Crew der Japan Airlines beim aktuellen Zwischenfall reagiert hat. «Ich weiss, wie viel Aufwand die Fluggesellschaft betreibt, was die Sicherheit und das Training der Besatzung betrifft.» Deswegen sollte die Tatsache, dass so gute Arbeit geleistet wurde, keine grosse Überraschung sein.

Eine Dokumentation zeichnet die Ereignisse des Absturzes von 1985 nach.Video: YouTube/Wonder

«In einer Kultur wie derjenigen Japans hat die Airline als Gruppe die Verantwortung übernommen und wollte sicherstellen, dass so etwas nie mehr passiert», sagt Braithwaite mit Blick auf die Katastrophe von 1985.

Ein weiterer – die künftige Sicherheit prägender – Unfall ereignete sich ebenfalls im Jahr 1985 am Flughafen in Manchester. Ein Flugzeug von British Airtours hatte einen Fehlstart und fing Feuer. Trotz raschem Eintreffen der Feuerwehr starben 55 Menschen. Die Mehrheit an einer Rauchvergiftung.

«Daraus ergaben sich zahlreiche Empfehlungen, welche die Ausstattung moderner Flugzeuge beeinflussten», sagt Braithwaite. Beispielsweise Lichter entlang des Bodens und andere Materialien beim Bau der Kabine.

Japan Airlines sensibilisiert Mitarbeitende seit Jahren

Vor rund 20 Jahren ist sich Japan Airlines bewusst geworden, dass viele Mitarbeiter sich nicht mehr an das Unglück von 1985 erinnern konnten. Als Reaktion darauf hat die Fluggesellschaft in der Zentrale einen 700 Quadratmeter grossen Raum eingerichtet, der im Stile eines Museums Teile des Wracks der abgestürzten Maschine zeigt. Ausserdem sind Abschiedsnachrichten von Passagieren ausgestellt.

Mit diesen Massnahmen möchte Japan Airlines gemäss «NZZ» bei seinen 36’000 Mitarbeitenden ein Sicherheitsbewusstsein schaffen.

Prince Akishino, Princess Kiko look JAL jumbo accident exhibit Prince Akishino (C), the younger son of Emperor Akihito, and his wife Princess Kiko visit Japan Airlines Safety Promotion Center at Tokyo ...

Prinz Akishino (Mitte), der jüngere Bruder von Kaiser Naruhito, besichtigt mit seiner Frau Kiko die Wrackstücke.Bild: imago stock&people

Die Genauigkeit

Japan Airlines gehört gemäss der Website Airlineratings.com zu den sichersten Fluggesellschaften der Welt. Chefredaktor Geoffrey Thomas sagt gegenüber CNN: «Die Airline wird auf unserer Website als Sieben-Sterne-Fluggesellschaft eingestuft, sie hat alle wichtigen Sicherheitsprüfungen bestanden.» Auch die SWISS kommt im Sicherheits-Ranking auf die Maximalanzahl von sieben Sternen.

Gute Noten erhält auch die japanische Aufsichtsbehörde für die Sicherheit von Fluggesellschaften, «sie schneidet besser ab als der weltweite Durchschnitt», so Thomas.

Graham Braithwaite sagt: «Japan Airlines hat eine sehr strenge Kultur in Bezug auf Standardbetriebsverfahren und die korrekte Durchführung aller Arbeiten. Ich denke, das ist einer der Gründe, warum die Crew im aktuellen Fall so gut gearbeitet hat.»

Die Gründe für die erfolgreiche Evakuierung

«Es ist noch zu früh, um sich zu den Einzelheiten des Vorfalls zu äussern, aber klar ist, dass die Besatzung sich vorbildlich verhalten hat», sagt Steven Ehrlich von der Organisation
PilotsTogether gegenüber CNN.

Ein Pilot einer europäischen Fluggesellschaft sagte zu CNN anonym: «Ich bin ausserordentlich beeindruckt von den Piloten, der Besatzung und den Passagieren, die unter extremsten Bedingungen eine Evakuierung wie aus dem Lehrbuch durchgeführt haben.» Durch angepasste Verfahren sei es heute möglich, dass auch ein grosses Flugzeug in 90 Sekunden evakuiert werden könne.

Die erwähnten 90 Sekunden sind eine der Vorschriften der internationalen Zivilluftfahrt-Organisation ICAO, jedes neue Flugzeug muss sie erfüllen.

Dieses Video zeigt, wie die Passagiere das Flugzeug über die Notrutschen verlassen.Video: YouTube/Sky News

Erschwerend kam am Montag hinzu, dass nicht alle Türen des Flugzeugs genutzt werden konnten, wie die «NZZ» schreibt. Glücklicherweise dauerte es über eine Viertelstunde, bis sich das Feuer auf den ganzen Rumpf der Maschine ausgebreitet hat.

Auch Ehrlich unterstreicht das vorbildliche und disziplinierte Verhalten der Passagiere. Diese hätten das Flugzeug umgehend verlassen, ohne ihr Handgepäck mitzunehmen, wie auf Videos zu sehen war. Das sei keine Selbstverständlichkeit. Wie Aufnahmen von anderen Evakuierungen zeigen, sei es schon vorgekommen, dass Passagiere das Verlassen des Flugzeugs verzögerten, weil sie ihr Handgepäck mitnehmen wollten.

«Jede Verzögerung bei der Evakuierung hätte katastrophale Folgen haben können, und das alles nur wegen eines Laptops oder eines Handgepäcks. Dieser Vorfall hätte weitaus schlimmer ausfallen können, wenn die Passagiere die Warnungen, ihr Hab und Gut zurückzulassen, nicht beachtet hätten», sagt Ehrlich.

«Jede Verzögerung bei der Evakuierung hätte katastrophale Folgen haben können, und das alles nur wegen eines Laptops oder eines Handgepäcks.»

Ein Pilot sagt gegenüber CNN anonym: «Alles stehen und liegen zu lassen und auszusteigen, sollte die einzige Priorität sein. Wenn dies geschieht, hat jeder die beste Chance zu überleben.»

Braithwaite appelliert an die Konzentration künftiger Fluggäste: «Vor ein paar Wochen sass ich im Flugzeug neben jemandem, der nicht zuhörte, als die Sicherheitsanweisungen kamen, weil er davon überzeugt war, dass, wenn etwas schiefgeht, man ohnehin nichts mehr machen könne. Nun, heute haben fast 400 Menschen in Japan bewiesen, dass das nicht der Fall ist.»

Die Praxis bei SWISS

Auf Anfrage von watson sagt die Fluggesellschaft: Bei einer Evakuierung ist Zeit der entscheidende Faktor. Das Ziel ist, die Kabine so schnell wie möglich evakuieren zu können. Die Crew leitet und unterstützt die Passagiere in einer solchen Ausnahmesituation und gibt klare Anweisungen, an die sich die Fluggäste halten müssen. Zum Beispiel muss Handgepäck an Bord gelassen werden und die Passagiere müssen das Flugzeug geordnet, aber schnellstmöglich über die Notausgänge und die Notrutschen verlassen.

Sämtliche Besatzungsmitglieder werden bereits von Beginn an in der Grundausbildung für diese Art von Ernstfällen geschult. Szenarien einer Evakuierung werden in sogenannten Mockups (nachgebaute Flugzeugkabine) durchgespielt.

Nach der Grundausbildung werden Sicherheitstrainings auch in den jährlichen Wiederholungskursen immer wieder durchgeführt. Und bei jedem Flug gibt es vor dem Start und vor der Landung die sogenannte «one minute of silent review», in der sich die Kabinenmitarbeitenden eine Minute Zeit nehmen, sich in Ruhe auf mögliche Vorkommnisse vorzubereiten und Abläufe und Anweisungen in Gedanken durchzuspielen. (rst)