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Von: Jennifer Lanzinger

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Noch immer gilt Rebecca Reusch aus Berlin als vermisst, seit nunmehr fünf Jahren suchen Familie und Ermittler nach der Schülerin. Alle Theorien in dem Vermisstenfall im Überblick.

Berlin – Auf der Homepage der Berliner Polizei wird noch immer nach Rebecca Reusch gesucht, auch Ermittler versuchen weiterhin, den Fall um die vermisste Schülerin doch noch aufzuklären.

Bereits zu Beginn entwickelten sich zahlreiche Theorien in dem mysteriösen Vermisstenfall. Während Ermittler an den Tod des Mädchens glauben und noch immer den Schwager der damals 15-Jährigen verdächtigen, entwickelten sich im Lauf der Zeit auch Theorien, die noch an ein Überleben des Mädchens glauben lassen können. Und der Familie Hoffnung geben. Am 18. Februar 2024 jährt sich das Verschwinden bereits zum fünften Mal.

Was ist wirklich mit Rebecca Reusch passiert? Die Theorien im Überblick

Seit dem Verschwinden der Schülerin gingen Ermittler nach eigenen Angaben tausenden Hinweisen nach. Noch immer würden sich regelmäßig Bürger bei der Polizei Berlin melden, die sich teils eigenständig auf die Suche nach dem vermissten Mädchen gemacht haben. So steht es im aktualisierten Suchaufruf nach Rebecca vom Februar 2023. Die Ermittler rätseln, am Ende bleiben vor allem fünf Theorien. Der Überblick:

IPPEN.MEDIA-Serie Teil 2

Seit dem 18. Februar 2019 wird die damals 15-jährige Rebecca Reusch aus Berlin vermisst. Zum fünften Jahrestag ihres Verschwindens wollen wir den Fall noch einmal aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Dazu veröffentlichen wir an den fünf Freitagen vor dem Jahrestag eine Mini-Serie mit den neuesten Erkenntnissen, den Theorien von Experten und Einschätzungen aus dem Kreis der Ermittler.

Teil 1 der Serie: Chronik, Ermittlungsstand und Schlüsselmomente

Teil 3 der Serie – Blick auf den Schwager: Warum den Ermittlern sogar eine Blamage drohen könnte

Theorie 1: Ermittler glauben, dass Rebecca das Haus ihrer Schwester nicht lebend verlassen hat

Bereits kurz nach dem Verschwinden der Schülerin nimmt die Polizei den Schwager des Mädchens vorläufig fest. Insgesamt zweimal innerhalb weniger Tage wird Florian R. festgenommen, doch mangels dringenden Tatverdachts wieder entlassen. Bis heute gilt der Schwager der vermissten Rebecca Reusch als tatverdächtig in dem Fall. Und: Ermittler sind sich sicher, dass die Schülerin das Haus ihrer Schwester in Berlin Britz nie lebend verlassen hat.

Für die Staatsanwaltschaft ist klar: Die Ermittlungen gelten nicht einer Vermissten, sondern einem Leichnam. Der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Berlin, Sebastian Büchner, sagt Merkur.de von IPPEN.MEDIA: „Die Akte ist nicht geschlossen, neuen Hinweisen wird nachgegangen. Aber aktuell gibt es keine neuen Ermittlungsspuren.“

Martin Steltner von der Staatsanwaltschaft Berlin kommentierte dieses Vorgehen bereits 2021 in einer TV-Doku von RTL Plus: „Also das sind ja keine Amateure, die in solchen Fällen arbeiten“, so Steltner. „Sie haben festgestellt, dass es keine andere Erklärung gibt. Es gibt keine Hinweise, die eine andere Erklärung möglich machen“. Theoretisch könne es eine andere Erklärung geben, doch es müsse sich an die Fakten gehalten werden. Sollte Rebecca das Haus freiwillig verlassen haben, würde es Spuren geben, die darauf hindeuten würden.

Axel Petermann, zertifizierter Fallanalytiker und Kriminalist, ordnet gegenüber IPPEN.MEDIA ein: „Im Haus selbst scheint es keine Hinweise auf ein blutiges Tatgeschehen zu geben. Das muss aber auch nicht sein, denn es gibt immer wieder Tatabläufe, die mit den Händen erfolgen und unblutig verlaufen“.

Die Familie steht trotz polizeilicher Ermittlungen weiter geschlossen hinter dem Schwager des Mädchens. In einer TV-Doku von RTL Plus äußerten sich die Eltern der vermissten Rebecca im Winter 2021. An eine Schuld des jungen Mannes glaubte die Familie damals nicht. „Für Becci war es ihr großer Bruder“, beschreibt Brigitte Reusch das Verhältnis zwischen der Familie und Florian R. „Er ist voll integriert“, so Bernd Reusch. Für den Schwager gilt die Unschuldsvermutung.

Theorie 2: Wurde Rebecca entführt oder hatte möglicherweise heimlich einen Freund?

Bereits kurz nach dem Verschwinden Rebeccas trat die Familie in den öffentlichen Fokus der Suche. Fast alle Familienmitglieder äußerten sich in den Medien, einzig der tatverdächtige Schwager Florian R. blieb im Hintergrund. Zu Beginn der Suche äußerten die Eltern der Schülerin den Verdacht, dass Rebecca möglicherweise gegen ihren Willen festgehalten werde.

Auch eine mögliche Chat-Bekanntschaft wurde nach dem Verschwinden der Schülerin ins Spiel gebracht. Demnach erzählten unter anderem Freunde von Rebecca in einem Gespräch mit zwei Journalistinnen, dass die Schülerin online mit einem „Max“ geschrieben habe.

In ihrem Podcast „Im Dunkeln. Der Fall Rebecca Reusch“ recherchierten Lena Niethammer und Miriam Arndts auch im Umfeld der Schülerin. Eine Freundin der Vermissten erzählte dabei, dass der unbekannte Chat-Freund extra für ein Treffen mit Rebecca nach Berlin gekommen war, die Schülerin das Treffen jedoch kurzfristig abgesagt habe. Wie die Freundin in dem Podcast weiter berichtet hatte, habe sie ein Foto der Chat-Bekanntschaft gezeigt bekommen. Dabei soll es sich um ein Foto des Teenagers gehandelt haben. Hat sich Rebecca Reusch also möglicherweise mit einem unbekannten Jungen aus dem Chat getroffen? Auch diese Spur verlief bislang im Sand.

Theorie 3: Gleich mehrere Zeugen wollen Rebecca am Morgen auf der Straße gesehen haben

Während die Ermittler davon ausgehen, dass Rebecca Reusch das Haus ihrer älteren Schwester vermutlich nicht lebend verlassen haben könnte, wollen gleich mehrere Zeugen die Schülerin am Tag ihres Verschwindens gesehen haben.

Eine Nachbarin will das Mädchen am Tag ihres Verschwindens noch in der Straße des Hauses der älteren Schwester gesehen haben. Dabei soll die Schülerin aus Berlin die lilafarbene Decke unter dem Arm getragen haben. Diese wurde von der Polizei Berlin bereits kurz nach dem Verschwinden der Schülerin in einer öffentlichen Mitteilung als verschwunden ausgeschrieben. In dem Podcast der beiden Journalistinnen äußerte sich besagte Nachbarin zu Wort. Obwohl die Frau die Begegnung bei der Polizei gemeldet habe, winkte diese lediglich ab. „Ja, Ja. Das könne doch gar nicht sein. Die Ermittlungen hätten etwas ganz anderes ergeben“, soll die Polizistin gegenüber der Nachbarin erwidert haben.

Wie die Journalistinnen in dem Podcast im Winter 2021 weiter erklärten, soll die Polizei auch bei einer aktuellen Nachfrage für den Podcast ähnlich reagiert haben. Demnach sei die Nachbarin „wie alle anderen Hinweisgeber auch, angemessen und respektvoll“ behandelt worden. „Ihre Wahrnehmung passe damals wie heute nicht zum objektiven Ermittlungsstand. Frau [ ] müsse sich also irren“, lasen die Macherinnen des Podcasts die Stellungnahme der Polizei vor.

Eine weitere Zeugin will die damals 15-Jährige am Tag des Verschwindens an einer Bushaltestelle gesehen haben. „Ich habe ihr Gesicht erkannt. Wenn ich Menschen einmal sehe, dann verwechsele ich sie nicht“, erklärte die Zeugin damals im Gespräch mit RTL. Das habe sie damals auch den Ermittlern gemeldet. Die Zeugin ist sich bei ihrer Begegnung sehr sicher, schließlich kenne sie Rebecca seit Jahren. Sie sei damals mit der Schwester der Vermissten beim Cheerleading gewesen.

Wie Staatsanwalt Martin Knispel (früher: Glage) gegenüber Bild im Herbst 2021 erklärte, konnten im Lauf der Zeit alle Aussagen von vermeintlichen Augenzeugen relativiert werden: „Das wurde weitreichend und mehrfach überprüft, aber auf den Videokameras in den Bussen war sie nicht zu sehen“ und: „Auch anderen Hinweisen, die Rebecca angeblich an anderen Stellen in der Stadt gesehen haben wollen, sind wir nachgegangen. Auch das können wir bis heute ausschließen“.

Theorie 4: Wurde Rebecca in einem Wald in Brandenburg verscharrt?

Hunderte Hinweise sind in den Tagen nach dem Verschwinden des Mädchens bei der Polizei eingegangen, manche von ihnen wollen das Auto des Schwagers im Wald in Kummersdorf in Brandenburg gesehen haben. Etwa 30 Autominuten von Berlin entfernt.

Wie die Journalistinnen des Podcasts „Im Dunkeln. Der Fall Rebecca Reusch“ berichteten, will eine Frau in dem Gebiet eine ganz besondere Beobachtung gemacht haben. Im Gespräch hatte die Frau erklärt, dass sie niemanden beschuldigen wolle. Sie habe der Polizei jedoch gemeldet, einen Mann zur damaligen Zeit in genau diesem Wald gesehen zu haben. Dieser habe ein Baseball-Cap getragen und sich immer wieder umgesehen. Als der Fremde die Frau mit ihren Freundinnen und deren Pferden erblickt habe, habe er seinen Schritt beschleunigt. Er sei zwischen Ästen und Sträuchern fast in den Wald gerannt.

Als die Polizei wenige Wochen später in genau diesem Waldstück nach Hinweisen auf die verschwundene Rebecca Reusch sucht, hätten sich die Frauen an das seltsame Verhalten des Mannes erinnert. Da die Reiterinnen an diesem Tag Fotos von ihren Pferden gemacht hätten, in genau diesem Wald, können die Frauen auch das Datum der seltsamen Begegnung belegen. Diese habe am 18. Februar 2019 stattgefunden.

Die Zeugin berichtete gegenüber den beiden Journalistinnen, dass sich die Ermittler bei ihr mehrfach gemeldet hätten. Diese hätten ihre Sichtung auch ernst genommen. Und dabei auch erwähnt, dass ein Freund des Schwagers in genau dieser Siedlung einen Bungalow habe. Doch auch diese Spur führte nicht zu der vermissten Rebecca Reusch. Ob die damalige Sichtung überhaupt mit dem Vermisstenfall Rebecca Reusch zusammenhing, ist offiziell nicht bekannt.

Theorie 5: Wurde Rebecca verschleppt oder hat mit einem Mann freiwillig das Land verlassen?

Könnte Rebecca Reusch womöglich doch noch leben und gar freiwillig das Land verlassen haben? Noch immer kann auch diese Theorie nicht komplett ausgeschlossen werden. Gleich mehrmals soll das vermisste Mädchen im Ausland gesehen worden sein. So berichtete ein Augenzeuge, die Vermisste in einem Kaufhaus in Polen gesehen zu haben. Dabei sei die junge Frau nach Angaben des Augenzeugen in Begleitung eines Mannes gewesen. Der Augenzeuge äußerte sich damals in den Medien, beschrieb unter anderem die Zahnspange der vermissten Rebecca Reusch.

Auffällig: Wie die Mutter der vermissten Rebecca in einer TV-Doku von RTL Plus erzählte, sei zu diesem Zeitpunkt in der Öffentlichkeit noch nicht bekannt gewesen, dass Rebecca am Tag ihres Verschwindens tatsächlich eine Zahnspange getragen hatte.

Und: Brigitte Reusch sprach in der TV-Doku auch darüber, dass ihre Tochter gleich mehrfach von Zeugen gesehen worden sein soll. So habe ein Passant Rebecca auf einem Parkplatz in Begleitung eines Mannes gesehen. Eine andere Frau habe Rebecca auf Teneriffa erkannt. „Ich weiß nicht, ob es Rebecca war, doch wir hoffen. Die Hoffnung stirbt zuletzt“, erklärte Brigitte Reusch damals weiter. Ob es sich bei den Sichtungen tatsächlich um Rebecca gehandelt haben könnte, ist völlig unklar. Noch immer fehlt von der Schülerin aus Berlin jede Spur. Auch noch nach fünf Jahren.

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