Das Elffache der jährlichen Einbauten von Wärmepumpen benötigt Großbritannien, um das Absatzziel für 2028 zu erreichen, das sich die Regierung gesteckt hat. 600.000 Geräte sollen dann jedes Jahr eingebaut werden. 2022, das aktuellste Jahr, für das Zahlen vorliegen, wurden gerade einmal 55.168 Geräte verkauft. Installationen werden nicht systematisch erfasst.

Trotz dieser erheblichen Lücke würden sich Minister weiter auf „sehr optimistische Annahmen zur Entwicklung der Nachfrage der Verbraucher“ verlassen, warnte der britische Rechnungshof National Audit Office (NAO) in einer aktuellen Untersuchung. Ohne einen dramatischen Ausbau beim Verkauf der Geräte seien die Ziele nicht zu erreichen – und damit auch nicht die angestrebte Reduzierung der Emission von Treibhausgas.

„Die Regierung hat einige wichtige Fragen zu beantworten, wie sie das Heizen von Gebäuden dekarbonisieren will“, sagte Simon Bittlestone, Direktor für den Bereich Optimale Mittelverwendung beim NAO. Rund 18 Prozent der Treibhausgasemissionen in Großbritannien entfallen auf die Erwärmung von Wohnraum.

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Zu über 80 Prozent werden dafür Gasboiler genutzt. Noch verschärft wird die Energiebilanz durch den Zustand der Gebäude. Ein großer Teil des Immobilienbestandes ist in die Jahre gekommen, die Gebäudeisolierung im Land gilt als eine der schlechtesten in Europa.

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Um das gesetzlich festgeschriebene Ziel zu erreichen, bis 2050 netto keine CO₂-Emissionen mehr auszustoßen, müssen fast alle 28 Millionen Haushalte im Land ihre Heizung umstellen. Das Climate Change Committee, ein unabhängiges Beratungsgremium der Regierung, hat die Kosten für diese Umstellung zwischen 2020 und 2050 auf 162 Milliarden Pfund (190 Milliarden Euro) geschätzt. Heute setzen weniger als ein Prozent der Haushalte auf eine Wärmepumpe.

Im europäischen Vergleich gehört Großbritannien mit diesen Werten zu den Nachzüglern. Das Land liegt noch hinter Deutschland, wo die Umstellung auf Wärmepumpen ebenfalls schleppend vorankommt und hinter den Erwartungen zurückbleibt.

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Im Jahr 2022 wurden hierzulande 236.000 Geräte eingebaut. Insgesamt sind 1,7 Millionen im Einsatz, in Großbritannien weniger als 300.000. Auch bei den Zielen bleibt Deutschland mit angestrebten 500.000 Verkäufen im Jahr moderater als die Briten.

„Das Ministerium für Energiesicherheit und Net Zero hat keinen übergreifenden, langfristigen Plan, um das Bewusstsein der Haushalte bezüglich der Notwendigkeit, die Gebäudewärme zu dekarbonisieren, zu verbessern“, urteilt das NAO in seinem Bericht.

Dagegen verwies die Regierung auf die Erhöhung der finanziellen Förderung für Wärmepumpen von 5000 Pfund auf 7500 Pfund seit September. Sie sehe ihre Aufgabe darin, „Familien bei der Entscheidung zu helfen, statt sie zu zwingen, eine Wärmepumpe zu installieren.“

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Neue Heizungsabsatzzahlen

Erst vergangene Woche hat die Regierung der Branche ein weiteres Zugeständnis gemacht. Geplant war, Hersteller ab April mit Geldstrafen zu belegen, wenn sie vorgegebene Quoten zum Absatz von Wärmepumpen nicht erfüllen würden.

Der „Marktmechanismus für sauberes Heizen“ sah vor, dass Boiler-Hersteller mindestens vier Prozent ihrer Umsätze mit den Gasgeräten mit Wärmepumpen machen müssen – oder eine Strafe von 3000 Pfund für jede fehlende Installation zahlen. Jetzt bekommen die Hersteller, nach intensivem Lobbying, ein weiteres Jahr Zeit zur Vorbereitung.

Im Vorgriff auf die Politik, von der Branche als Boiler-Steuer bezeichnet, wurden die Preise für Gas-Boiler bereits um 120 Pfund angehoben. Der Boiler-Markt ist sehr konzentriert. Mit Worcester Bosch, Vaillant, Baxi und Ideal kontrollieren vier große Hersteller 90 Prozent des Marktes.

Termine für Verbote müssen verschoben werden

Im September hatte Premierminister Rishi Sunak den Termin für ein Verbot neuer Öl- und Propangas-Boiler für entlegene Siedlungen ohne Anschluss an das Gasnetz von 2026 auf 2035 verschoben.

Die Verzögerungen passen ins Muster: Sunak hat eine ganze Reihe Vorgaben seiner Vorgänger zur Entlastung der Umwelt abgeschwächt, aus Sorge, die Vorgaben würden ihn Stimmen unter konservativen Wählern kosten. Die konservative Partei liegt seit Monaten in Umfragen weit hinter der oppositionellen Labour-Partei zurück. In Großbritannien wird im Laufe des Jahres gewählt.

Die Kosten für Anschaffung und Einbau einer Wärmepumpe gelten als wichtiger Hinderungsgrund für die schleppende Umsetzung. Laut der National Infrastructure Commission kostet eine Wärmepumpe im Schnitt 10.000 Pfund mehr als ein Gasboiler. Einige Energieversorger bieten inzwischen aber Modelle für 500 Pfund an, wenn die finanzielle Unterstützung der Regierung genutzt wird.

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Laut NAO sind die Preise für eine Wärmepumpe seit 2021, bereinigt um die Inflation, nur um sechs Prozent gefallen. In ihrer Kalkulation hat die Regierung mit einer Reduzierung um 25 bis 50 Prozent bis 2025 gerechnet.

Hinzu kommt, dass auch der Betrieb der elektrisch betriebenen Geräte teurer ist. Der Preis für Strom liegt je Wärmeeinheit deutlich höher als für Gas, die Folge einer staatlichen Gebührenpolitik, deren Überarbeitung angekündigt ist, die aber auf sich warten lässt.

Auch die zögerlichen Vorgaben der Regierung würden eine Mitschuld an dem schleppenden Ausbau tragen, so die NAO. Noch bis 2026 laufen Tests zum Einsatz von Wasserstoff für das Heizen im Land. Allerdings wurden die Modellversuche für diese Technologie, für die sich unter anderem die traditionellen Boiler-Hersteller starkmachen, immer weiter zurückgefahren.

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Aktuell läuft lediglich ein Versuch in Schottland mit 300 Haushalten. Beobachter sehen wenig Chancen für Wasserstoff bei der Wärmegewinnung, das Gas werde dringender im Schwertransport und in industriellen Bereichen benötigt, für die die Dekarbonisierung besonders schwerfällt. Viele Verbraucher sind indes verunsichert, ob tatsächlich eine Wärmepumpe die beste Technologie für sie darstellt oder ob sie besser zu einem Boiler greifen sollten, der sich umrüsten lässt auf Wasserstoff.

Schließlich hat die Frage trotz einer staatlichen Aufklärungskampagne längst noch nicht alle im Land erreicht. Laut einer Umfrage aus dem vergangenen Jahr haben 30 Prozent der Bevölkerung bisher nichts davon gehört, dass sie ihr Heizsystem umbauen müssen, damit die Net-Zero-Ziele erreicht werden können.