Fünf Jahre lang hatte Katharina Bluhm an ihrem neuen Buch gearbeitet. In einer großangelegten Spurensuche beleuchtete sie den Weg Russlands seit den 1990er Jahren zur revisionistischen Macht der bestehenden Weltordnung. Im Fokus stehen dabei innenpolitische Dynamiken: Das Wechselspiel zwischen der zunehmenden Ideologisierung des Putin-Regimes und illiberal-konservativen Kräften in der russischen Gesellschaft. Dann, wenige Wochen vor Abgabe des Manuskripts, kommt der Krieg, am 24. Februar 2022 überfällt Russland die Ukraine. „Die Welt ist durch den Krieg eine andere geworden“, sagt Bluhm, Professorin für Soziologie am Osteuropa-Institut der Freien Universität. „Das hat natürlich auch mein Buch noch einmal verändert.“

Katharina Bluhm kann auf der Basis ihrer langjährigen Recherchen den schleichenden Prozess nachzeichnen, der schließlich in den Krieg führt. „Es ist ein Prozess, der nicht erst mit Putins dritter Amtszeit 2012 beginnt, sich aber ab da immer weiter verschärft und radikalisiert“, sagt sie. „Die Ukraine ist ein Schlachtfeld, auf dem lange schwelende Konflikte offen ausgetragen werden.“ Gleichwohl sei der Kriegsausbruch ein Schock für sie gewesen. „Für uns alle am Osteuropa-Institut war der 24. Februar eine Zäsur.“

Selbstverständnis überdenken Der russische Angriff auf die Ukra-ine hat unfassbares Leid über Millionen von Menschen gebracht und langgeglaubte Sicherheiten nachhaltig erschüttert. Nicht nur in Politik und Wirtschaft, sondern auch in der Wissenschaft. Für das Osteuropa-Institut der Freien Universität bedeutete das eine strategische Neuausrichtung. „Als der Krieg ausgebrochen ist, haben wir sofort reagiert“, sagt Robert Kindler, Professor für die Geschichte Ost- und Ostmitteleuropas. „Uns war zunächst wichtig, dass wir ein gemeinsames, solidarisches Signal nach außen senden – und gleichzeitig nach innen dem Präsidium als kompetenter Ansprechpartner zur Verfügung stehen.“

Gemeinsam mit der Universitätsleitung werden damals in kurzer Zeit Hilfsprogramme eingerichtet: kurzfristige Stipendien, die bedrohten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der Ukraine sowie aus Russland und Belarus ermöglichen, weiterhin Forschung zu betreiben – wahlweise in Berlin oder aus der Ferne. Zusätzlich engagieren sich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Instituts, ebenso wie Studierende ehrenamtlich. Als im Frühjahr 2022 Tausende von ukrainischen Geflüchteten am Berliner Hauptbahnhof eintreffen, übersetzen sie aus dem Ukrainischen und Russischen, geben Auskünfte und vermitteln Hilfe. „Nach dieser akuten Phase mussten wir darüber nachdenken, was der Krieg langfristig bedeutet“, sagt Robert Kindler. „Für Osteuropa, für die Osteuropa-Studien als wissenschaftliches Fach und für die konkrete Arbeit an unserem Institut.“

Delegierte des Osteuropa-Instituts an der Nazarbayev Universität in Astana (v. l. n. r.): Robert Kindler, Tobias Stüdemann, Susanne Strätling, Theocharis Grigoriadis, Clemens Günther und Ruslana Bovhyria

Delegierte des Osteuropa-Instituts an der Nazarbayev Universität in Astana (v. l. n. r.): Robert Kindler, Tobias Stüdemann, Susanne Strätling, Theocharis Grigoriadis, Clemens Günther und Ruslana Bovhyria

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Der russische Überfall auf die Ukraine habe auch die Osteuropastudien dazu gezwungen, ihr Selbstverständnis zu überdenken, sagt Susanne Strätling, Professorin für Literaturwissenschaft. „Unsere Arbeit ist immer transnational geprägt gewesen, mit Blick auf den gesamten osteuropäischen Kulturraum. Trotzdem bildete Russland dabei oft den bevorzugten Referenzrahmen. Es galt als Zentrum und die anderen Länder als Peripherie – sie gerieten nur am Rande in den Blick.“

Programme wurden gestoppt

Nun setze man sich kritisch damit auseinander, inwieweit die Osteuropastudien diese Hierarchie reproduziert hätten. „Immer wieder wird an das Fach die Forderung nach seiner Dekolonialisierung, also nach einer Reflexion seiner kolonialisierenden Wissenschaftstraditionen, herangetragen.“ Dabei sei nicht immer klar, wie diese Dekolonialisierung verlaufen könnte und was damit eigentlich gemeint sei. Es bedürfe einer stärkeren Sensibilisierung für die Machtverhältnisse, die sich im Wissen des Fachs abbildeten, und die Forschungsgegenstände ebenso prägten wie Theorien und Methoden. „Wir haben etwa jahrzehntelang ganz selbstverständlich vom ‚postsowjetischen Raum‘ gesprochen“, sagt Susanne Strätling. „Heute müssen wir fragen, ob wir mit solchen Begriffen nicht den Ländern der Region ein Stück ihrer eigenen Geschichte absprechen und sie nur über ihre ehemalige Zugehörigkeit zum sowjetischen Imperium definieren.“

Viele Jahre lag der strategische Fokus des Osteuropa-Instituts auf der Russlandforschung. Das Institut pflegte einen engen, erfolgreichen Kontakt mit vielen renommierten Forschungseinrichtungen im Land. Es gab gemeinsame Forschungsprojekte, Austauschprogramme, Möglichkeiten für deutsch-russische Doppelabschlüsse. Alles auch unterstützt durch das Verbindungsbüro der Freien Universität in Moskau. Mit Kriegsbeginn wurden alle Programme auf Eis gelegt. Das Verbindungsbüro schloss und ist seit Oktober 2022 im georgischen Tbilissi angesiedelt.

„Dieser Schritt wurde sowohl durch die EU-Sanktionen als auch durch eine immer stärkere Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit in Russland unausweichlich. Zugleich wollten wir auch nicht weitermachen wie bisher“, sagt Robert Kindler. „Wir haben uns daher zu einer strategischen Neuausrichtung des Instituts mit einem Schwerpunkt auf regionale Diversifizierung entschieden.“

Neue Partnerschaften

Derzeit baut das Institut Kooperationsprogramme mit Universitäten in der Ukraine, in Georgien, Usbekistan und Kasachstan auf und aus. Zudem ist der neue Masterstudiengang „Economic System“ in Kooperation mit der Universität Belgrad entstanden, initiiert von Theocharis Grigoriadis, Professor für Volkswirtschaftslehre am Osteuropa-Institut. Neben dem Bachelor-Begleitstudiengang „Deutschland und Europa im Südkaukasus“, einem vom Deutschen Akademischen Austauschdienst geförderten Studiengang im Ausland, der seit Herbst 2023 läuft, ist dies schon das zweite neue Projekt.

Im Januar haben Theocharis Grigoriadis, Susanne Strätling und Robert Kindler gemeinsam mit weiteren Kolleginnen und Kollegen des Osteuropa-Instituts eine Reise nach Kasachstan unternommen, die von Tobias Stüdemann, dem Leiter des Verbindungsbüros in Tbilissi, organisiert wurde. „Wir erleben derzeit, wie in ganz vielen Ländern der Region ein neues kulturelles Selbstverständnis entsteht“, sagt Susanne Strätling. „Diesen Prozess werden wir als Institut eng begleiten.“ Der Krieg wirke nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Südosteuropa, im Kaukasus und in Zentralasien als Katalysator für neue politische Entwicklungen. „Es ist ein multiethnischer Raum, der sich gerade neu sortiert“, sagt Robert Kindler. „Es kommt zu einer Neubewertung der eigenen Geschichte und des politischen Verhältnisses zu Russland.“

Russlandforschung ändert sich

Gleichzeitig arbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler daran, die Russlandforschung neu aufzustellen. „Wir dürfen in dieser schwierigen politischen Lage den Kontakt und den analytischen Blick auf das Land nicht verlieren“, sagt Katharina Bluhm. Wie schwer sich die Forschungsarbeit gestaltet, spürt sie als Sozialwissenschaftlerin schon seit 2014. Sie ist darauf angewiesen, vor Ort Daten erheben und forschen zu können. „Empirische Forschung in Russland zu betreiben, ist für uns heute kaum mehr möglich“, sagt sie. „Wir können keine Interviews mehr führen und auch niemanden vor Ort für die Datenerhebung beauftragen. Selbst Archivreisen sind schwierig geworden.“

Nun gelte es, die Informationen auf anderem Wege zu beschaffen. „Wir müssen mit dem arbeiten, was wir haben“, sagt sie. „Im Internet sind nach wie vor Reden, Dekrete und öffentliche Debatten zugänglich, man kann soziale Medien analysieren, den Zugang über die Diaspora suchen sowie die Forschung und Datenerhebung im Land verfolgen, die ja durchaus, wenn auch eingeschränkt, möglich ist.“ Insgesamt zeichne sich die Entwicklung ab, Forschung künftig über statt mit Russland zu betreiben, sagt Robert Kindler. Das Institut stehe vor einer doppelten Herausforderung: „Wir müssen uns regional weiter öffnen und neue Räume wissenschaftlich erschließen. Gleichzeitig müssen wir verhindern, dass Russland für den Westen eine Blackbox wird.“