Jaeger-LeCoultre: Product Design Director Lionel Favre im GQ-Interview

Lionel Favre ist Direktor für Produktdesign bei Jaeger-LeCoultre und bereits seit einigen Jahren in der Uhrenbranche zu Hause. Im GQ-Interview sprach er über die Balance zwischen Design und Funktion, die Bedeutung von Vintagemodellen im Markt und die Ansprüche der neuen Zielgruppe.

Lionel Favre im GQ Interview

Herr Favre, Sie waren vor Jaeger-LeCoultre für andere Marken tätig. Muss Ihnen jeder Entwurf einer Uhr persönlich gefallen oder können Sie den „Jaeger-LeCoultre-Auftrag“ von Ihrem eigenen Geschmack differenzieren?
Lionel Favre: Ich könnte keine Uhr entwerfen, hinter deren Design ich nicht stehe, nein. Selbst wenn man für eine Marke arbeitet, mit deren Look man sich vielleicht nicht 100% persönlich identifizieren kann, muss man einen Punkt finden, an dem man eine Sensibilität für die Entwürfe entwickelt und sich darüber in sie verlieben. Es muss also nicht alles dem eigenen Geschmack entsprechen, aber man muss sich für die Geschichte der Brand interessieren und das Gebiet der Marke verstehen. Wenn man in diesem Rahmen bleibt und tolle Stücke designt, hinter denen man steht, dann ist es meist einfacher, in der Kontinuität einer Maison zu bleiben, den Weg fortzuführen, den andere vor einem aufgebaut haben. Das Wichtigste ist, die DNA der Marke zu respektieren. Und mit Leidenschaft zu arbeiten. Wenn die Leidenschaft fehlt und man nur “nach Rezept kreiert”, wird das Design häufig geschmack- und belanglos.

Was bedeutet Leidenschaft hier konkret?
Man muss von seinem Entwurf begeistert sein. Wenn man etwas entwirft, auf das man nicht stolz sein kann, ist es schwierig, diese Euphorie auch auf andere zu übertragen. Das führt dann häufig auch dazu, dass das Design nicht interessant erscheint. (Lesen Sie auch: Golden Globes 2024: Das waren die 5 spannendsten Uhrenmodelle auf dem roten Teppich)

Sie bringen auch Erfahrung aus der Schmuckindustrie mit. Ist eine Uhr in Ihren Augen mehr Schmuckstück oder mehr Gebrauchsgegenstand?
Ich glaube, sie ist beides. Natürlich ist eine Uhr immer auch ein Schmuckstück am Handgelenk, aber das Uhrwerk, das mit all seinen Einzelteilen dafür sorgt, dass man die Zeit ablesen kann, gibt der Uhr ihre Seele. Und das in einer ganz anderen Dimension als jetzt bei einem klassischen Schmuckstück. Noch mehr Gebrauchsgegenstand sind natürlich Smartwatches, die einen den ganzen Tag mit Informationen versorgen. Die mechanische Uhr reiht sich hier vermutlich irgendwo dazwischen ein.

“Die Menschen sollten ihre Uhr dort kaufen, wo sie sich wohl fühlen.”

Jaeger LeCoultre

Sie sind seit rund 7 Jahren als Produktdesigndirektor für die Designs der ikonischen Jaeger-LeCoultre-Modelle verantwortlich. Was ist die wichtigste Fähigkeit, um zwischen Ingenieuren und Designer zu vermitteln?
Beide Sprachen zu sprechen. Man muss sowohl die Ingenieure, als auch die Designer verstehen und ihre jeweiligen Anliegen und Wünsche für die andere Seite übersetzen. Außerdem muss man von Zeit zu Zeit auch mal eine Diskussion provozieren, denn nur so werden die Dinge besser. Wir sind eine Manufaktur mit 180 Fertigkeiten im Haus, hier arbeiten eine Menge Menschen, mit umfassendem Know-how und einer großen Leidenschaft, für das, was sie tun. Wir müssen also in erster Linie zuhören, damit wir die ganzen tollen Ideen, die so entstehen, nicht verpassen.

Jaeger-LeCoultre: Auf der Suche nach neuen Formen und Fähigkeiten

Als Designer sind Sie stetig auf der Suche nach neuen Formen und Fähigkeiten für Ihre Modelle. Dreht man sich hier irgendwann im Kreis oder ist die Ideenvielfalt nie ausgeschöpft?
Es ist auf jeden Fall eine Herausforderung, weil wir uns als Uhrendesigner natürlich in einem sehr kleinen Bereich aufhalten. Da Jaeger-LeCoultre aber die unterschiedlichsten Kollektionen beheimatet, haben wir hier Platz, um unsere kreativen Ideen auszuleben. Heutzutage setzen viele Brands auf Monoprodukte, wir haben das große Glück, uns an den unterschiedlichsten Richtungen probieren zu dürfen. Wir können nicht nur an unserer einen Uhr die Farbe ändern, sondern den kreativen Geist der Maison ausleben. Als Designer ist es außerdem wichtig, nicht nur beim Entwurf selbst dabei zu sein, die Ausführung ist mindestens genauso wichtig wie die erste Skizze. Sie entscheidet über die eigentliche Schönheit in den Details. Denn es geht darum, dass jedes einzelne Detail perfekt ist.

Der Luxusuhrenmarkt ist sehr wettbewerbsintensiv. Wie schafft man es, sich von anderen Marken zu unterscheiden?
Eine unserer Stärken ist es, dass wir alles in unserem Haus lassen. Wir sind in der Lage zu konzipieren, produzieren und montieren. Und sind damit eine der einzigen Maisons, die all diese Schritte verbindet. Das sorgt eben auch dafür, dass wir bei jedem Detail unserem Qualitätsanspruch treu bleiben. (Kennen Sie schon? Jaeger-LeCoultre feiert mit einer neuen Reverso das “Jahr des Drachen”)

Wie schafft man Begehrlichkeit in dieser Branche? Ist es der Preis, die Limitierung, die Komplikationen, das Design oder die Geschichte der Maison?
Begehrlichkeit fängt beim Design des Produktes selbst an, geht über die Qualität bis hin zur Emotion, die es in einem auslöst. Ich glaube nicht daran, dass man Begehrlichkeit mit tollen Marketingstrategien erzeugen kann. Sie muss zwangsläufig beim Produkt selbst beginnen. Auch der Preis spielt hier meiner Ansicht nach keine Rolle, auch wenn Qualität natürlich häufig kostspieliger ist. Auch wir haben limitierte Modellreihen, das hat allerdings nichts mit einer Strategie zu tun, sondern mit den Möglichkeiten, solche komplexen Uhren überhaupt zu produzieren.

Der Gebrauchtuhrenmarkt wurde die letzten Jahre immer wichtiger. Wie stehen Sie zum Verkauf von gebrauchten Luxusuhren? 
Ich glaube, es ist eine Chance für die Marken, ihr Erbe weiter hervorzuheben. Die Geschichte ihrer Brands zu erklären und einige Modelle aus der Vergangenheit wieder auf die Bühne zu bringen. Es verändert die Dynamik. Und als Maison mit einer beeindruckenden Vergangenheit freuen wir uns natürlich über diese Möglichkeit.

Immer mehr Menschen bestellen ihre Uhr online, ohne sie anzufassen oder zu probieren. Tut Ihnen das weh oder ist es als Product Design Director egal, von wo die Menschen Ihre Produkte beziehen?
Nein, die Menschen sollten ihre Uhr dort kaufen, wo sie sich wohl fühlen. Ich würde immer eine Beratung und ein Probetragen in der Boutique bevorzugen, aber es ist natürlich eine neue Art des Kaufens, warum also nicht. Häufig geht ja auch beides Hand in Hand. Solange man eine tolle Brand kauft, mit der man sich identifizieren kann und das Modell liebt, ist es egal, wo man dieses erwirbt. (Gut zu wissen: Schweizer Uhrenmarken: Das sind die 10 spannendsten Brands)

Was glauben Sie, welche Menschen kaufen mit welcher Intention ein Jaeger-LeCoultre-Modell? Haben Sie einen Wunschkunden?
Ich hoffe, Sie kaufen eine unserer Uhren, weil sie das Design lieben und sich mit der Marke Jaeger-LeCoultre identifizieren können. Schließlich sind wir eine historische Marke mit einem tollen Erbe. Aber genau wissen wir es natürlich nicht. Und haben dementsprechend auch keinen Wunschkunden im Kopf. Jeder, der sich für uns entscheidet, ist ein Wunschkunde.

Die Uhr als Investitionsobjekt?

Für viele sind Uhren mittlerweile in erster Linie ein Investitionsobjekt. Ist das Ihrer Ansicht nach der falsche Ansatz? Muss eine Uhr immer getragen werden? 
Die ideale Vorstellung ist natürlich, dass man sich eine Uhr kauft und sie gar nicht mehr vom Handgelenk nehmen möchte. Trotzdem bin ich an dieser Stelle nicht so streng. Vielleicht ist die erste Uhr, die man sich von uns kauft, nur ein reines Investitionsobjekt. Und dann verliebt man sich in das Design, verspürt eine Leidenschaft und die nächste Uhr möchte man auf einmal auch tragen. Es gibt hier nicht den einen richtigen Weg.

Würden Sie sich selbst als Uhrenexperte beschreiben? 
Nein.

Warum nicht?
Weil ich das Wissen von denen kenne, die wirklich Uhrenexperten sind. Ich bin ein Experte in Sachen Design und Technik, aber kein Uhrenexperte per se. Da gibt es Sammler, deren übergreifendes Marktwissen mich immer wieder aufs Neue überrascht.

Neue Zielgruppen und Herausforderungen der Branche

Durch die neuen Zugänge ändert sich zwangsläufig auch die Zielgruppe. Ändert es etwas an Ihrer Arbeit, dass nun auch schon junge Menschen Anfang 20 zu Kunden werden und Geld sparen, um sich ihre erste Luxusuhr zu kaufen?
Ja und nein. Wir machen natürlich weiter wie bisher und kreieren tolle Modelle, freuen uns aber auf der anderen Seite auch, dass die jüngere Zielgruppe viel mehr wissen möchte. Es reicht nicht mehr, eine Marke am Handgelenk zu tragen. Sie wollen die Hintergründe, die Geschichten und die Ideen dahinter. Eigentlich sind sie der ideale Kunde, einer der sich wirklich für das Produkt interessiert. Da geht uns natürlich das Herz auf. Mein Sohn ist einer dieser jungen Menschen, die sich wirklich für die Geschichten der Marken interessieren, wissen, was sie wollen und nicht nur aufs Logo schauen. Ich liebe das. (Spannend: Jaeger-LeCoultre: Diese Hokusai-Kunstwerke können jetzt auf einem Reverso-Modell bewundert werden)

Wie wird sich das Verständnis von Uhren in den kommenden Jahren verändern? Was wird die größte Herausforderung?
Ich glaube es wird schwierig, die ideale Balance zwischen Kunstwerk und Werkzeug zu finden. Wir müssen in die Zukunft investieren und gleichzeitig die Tradition der Uhrmacherei wiederentdecken.

Die Welt hat gerade mit vielen großen Problemen zu kämpfen. Warum ist es dennoch in Ordnung, in ein Luxusprodukt wie eine hochwertige Uhr zu investieren?
Weil die Uhr ein nachhaltiges Luxusobjekt ist, das, wenn gewünscht, über Jahrzehnte im Familienbesitz bleiben kann. Und weil es die schönste Form ist, einen besonderen Anlass oder Moment zu feiern. Mit keinem anderen Gegenstand gelingt es besser, die ideale Erinnerung zu schaffen.