Sind Witze am 1. April noch zeitgemäß?

Stirbt der Aprilscherz aus?

Stirbt der Aprilscherz aus?

Quelle: Jens Kalaene/dpa

Über viele Jahrzehnte hinweg gehörten lustige Falschmeldungen am 1. April zur Tradition. Inzwischen fluten tagtäglich Desinformationen das Internet. Unser Autor Matthias Schwarzer fragt sich, ob der Aprilscherz da noch zeitgemäß ist.

Matthias Schwarzer

Hannover. Alle Jahre wieder, am 1. April, zünden Großkonzerne, Medienhäuser und Privatpersonen gleichermaßen das Spaßfeuerwerk: In Instagram-Posts bewerben Lebensmittelhersteller bizarre neue Produkte mit absurden Zutaten, in Zeitungen sind hanebüchene Meldungen zu lesen, Kinder veräppeln ihre Eltern mit lustigen Späßen – und die wiederum ihre Kollegen auf der Arbeit. Und natürlich machen auch Prominente mit.

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Die Tradition des Aprilscherzes ist vermutlich mehrere Hundert Jahre alt, niemand kennt seinen Ursprung so ganz genau. Manche verorten ihn im Jahre 1564 in Frankreich, andere glauben, der 1. April sei der Geburtstag von Judas, daher habe sich der Tag etabliert. Vor 400 Jahren wurde die Redewendung „Jemanden in den April schicken“ das erste Mal in Bayern aufgeschrieben – mindestens so lange existiert der Scherztag in Deutschland.

Heute, viele Hundert Jahre später allerdings, ist eine schleichende Abkehr vom Traditionstag bemerkbar. Und es stellt sich unweigerlich die Frage, ob die einst lustig gemeinten Falschmeldungen überhaupt noch zeitgemäß sind.

Früher Aprilscherz, heute Verschwörungstheorie

Das Problem lässt sich ziemlich gut an einem Beispiel festmachen. Am 1. April 1981 veröffentlichte der für seine Aprilscherze bekannte britische „Guardian“ eine harmlose Witzgeschichte über einen angeblich „bedeutenden wissenschaftlichen Durchbruch“. Das britische Verteidigungsministerium, so hieß es in dem Quatschbeitrag, habe im Geheimen eine Maschine entwickelt, um das Wetter zu kontrollieren – und das pünktlich zur Hochzeit von Charles und Diana. Margaret Thatcher höchstpersönlich soll an dem Projekt beteiligt gewesen sein. Aufgenommen wurde der Scherz wie in jedem Jahr: mit einem müden Lächeln.

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Das Klumperium: Die millionenschwere Firmenwelt der Heidi K.

Heidi Klum ist bekannt als Model, Mama und Marketingprofi – das ganz große Geld aber verdient sie als Unternehmerin. Lange zog ihr Vater Günther die Strippen. Inzwischen betreibt die strenge Kükenmutter von „Germany’s Next Topmodel“ ihre Geschäfte ohne ihn. Zwischenbilanz einer spektakulären Karriere.

Heute sind die Zeiten andere. Denn selbst eine solche Geschichte ist nicht mehr absurd genug, damit nicht eine relevante Masse an Menschen sie glaubt. 40 Jahre nach dem Witz, genauer gesagt am 14. Dezember 2021, verbreitete der Moderator Alex Jones in einem Video mit absoluter Ernsthaftigkeit die Behauptung, US-Präsident Joe Biden habe „schwere Wetterwaffen“ eingesetzt, um im Bundesstaat Kentucky einen tödlichen Tornado auszulösen. Die angebliche Beeinflussung des Wetters ist schon seit vielen Jahren eine gängige Erzählung des Verschwörungsideologen – und große Teile seines Publikums sind felsenfest davon überzeugt, dass sie stimmt.

Die sozialen Medien sind heute voll von Geschichten, die vor Jahrzehnten allenfalls in kleinen Kreisen Verschwörungsgläubiger kursierten – und heute eine riesige Bühne bekommen. Studien belegen, dass immer mehr Menschen empfänglich für Verschwörungserzählungen sind. Während der Corona-Pandemie glaubten zahlreiche, ihnen würden per Impfung Mikrochips implementiert – dank Drahtzieher Bill Gates. Und andere haben sich in eine Wahnwelt geflüchtet, in der angeblich Prominente in Unterwelten sitzen und Kindern das Blut abzapfen.

Fake-News-Portale arbeiten mit Humor

Befeuert werden solche Erzählungen von Alternativmedien, von Blogs und Podcasts, von Telegram-Kanälen, von rechtspopulistischen Youtube- und Tiktok-Profilen, die die wildesten Spins zusammenrühren und suggerieren, die Welt stehe praktisch dauerhaft kurz vor dem Abgrund. Sie adressieren Menschen, die von seriösen Medien längst nicht mehr erreicht werden. Und die Algorithmen der Plattformen begünstigen das und ziehen Verschwörungsgläubige immer tiefer in den Sog der alternativen Realität.

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Nicht immer arbeiten die Akteure ausschließlich alarmistisch – immer häufiger sind inzwischen auch Humor und Satire Stilmittel, um die Botschaft an den Mann oder die Frau zu bringen. Da gibt es dann auf Youtube junge, freche Hosts, die ihren Gesprächspartnern in provokanten Straßenumfragen beiläufig die Verschwörungstheorie des „großen Austauschs“ unterjubeln oder suggerieren, die Welt gehe am angeblichen „Genderwahn“ zugrunde. Die Stilmittel sind dabei ganz ähnliche wie bei harmlosen Scherznachrichten, wie etwa beim 1. April.

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Künstliche Intelligenz bietet derweil ganz neue Möglichkeiten, die eigene Agenda unters Volks zu bringen. Unter dem Deckmantel der Satire werden Deepfakes angefertigt, um politische Akteure zu diskreditieren – und um ihnen möglichst großen Unfug in den Mund zu legen, den sie nie gesagt haben. Russische Trollarmeen tun in den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke ihr Übriges und schütten diese mit allem möglichen Blödsinn voll – nur mit dem Ziel, möglichst viel Verunsicherung zu stiften.

Und zu all dem ganzen Gebrüll, zu diesem tagtäglichen Kampf um die Wahrheit, gesellt sich einmal im Jahr auch noch der 1. April. Muss das wirklich sein?

VW-Witz geht nach hinten los

Dass so etwas gehörig schiefgehen kann, hat 2021 der Autobauer Volkswagen erfahren müssen. Der hatte damals scherzhaft angekündigt, man werde sich angesichts des größer werdenden E-Auto-Repertoires in den USA in „Voltswagen“ umbenennen. In den sozialen Medien brachen daraufhin große Diskussionen aus, der Aktienkurs des Autobauers schoss zeitweise in die Höhe – dafür bekam der Autobauer später auch Ärger mit der US-Börsenaufsicht. Als sich herausstellte, dass es sich bei der Ankündigung um einen Aprilscherz handelt, hagelte es wiederum empörte Reaktionen von Journalistinnen und Journalisten. Der Witz wurde zum Eigentor.

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Wichtige Änderungen im April in verschiedenen Bereichen

Im April wird Cannabis in Teilen legal und viele Studierende dürfen sich über ein vergünstigtes Deutschlandticket freuen.

Quelle: dpa

Grund für das Desaster war vor allem, dass Volkswagen die Kampagne bereits Tage vor dem 1. April publik gemacht und Medien gezielt an der Nase herumgeführt hatte. Ein anderer ist aber sicherlich, dass ein Scherz, der auf den ersten Blick nicht eindeutig als solcher zu erkennen ist, einfach nicht mehr in die Zeit passt. Durch die Dynamik der sozialen Medien ist eine solche Geschichte kaum noch einzufangen, wenn sie erst mal in der Welt ist.

Einige Unternehmen haben angesichts der unsicheren Witzelage längst die Reißleine gezogen. Der Techriese Google hat seine traditionellen Aprilscherze erstmals im Corona-Jahr 2020 eingestellt. Aus Respekt vor denjenigen, die gegen den Covid-19-Ausbruch kämpften, wolle man auf lustige Falschinformationen verzichten, hieß es in einer internen Mail an Mitarbeitende. Seither wurden die Aprilscherze des Konzerns auch nicht mehr fortgeführt.

Medien verzichten auf Aprilscherze

Noch heikler als für Großkonzerne sind Aprilscherze inzwischen für Medienhäuser. Jahrzehntelang gehörten lustige Quatschmeldungen in den Lokalspalten von Tageszeitungen, im Radio oder in Fernsehbeiträgen am 1. April zum festen Programm. Doch das Vertrauen in etablierte Medien sinkt, das bestätigen immer wieder Studien. Auch stehen Medien immer wieder im Fokus von Desinformationskampagnen, die versuchen, journalistische Arbeit zu diskreditieren. Ist es da eine gute Idee, auch noch proaktiv falsche Nachrichten zu verbreiten, selbst wenn sie lustig gemeint sind?

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Ein Trend ist hier schon länger erkennbar: Aprilscherze in Medien tauchen heute immer seltener auf – manche lassen sie einfach weg, manche begründen ihren Schritt öffentlichkeitswirksam. Schon 2017 kündigten mehrere Zeitungen in Skandinavien an, fortan keine Aprilscherze mehr zu veröffentlichen. Magnus Karlsson, Chefredakteur der schwedischen Tageszeitung „Smålandsposten“, schrieb damals, er wolle nicht, dass die Marke der Zeitung „mit einer potenziell viralen und falschen Geschichte verbreitet wird“. „Wir arbeiten mit echten Nachrichten. Auch am 1. April“, schrieb er.

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Die US-amerikanische „Washington Post“ schrieb im vergangenen Jahr in einem Artikel, der 1. April sei ein „Tag der Lügen“. Nachrichten hingegen seien das „Gegenteil der Lüge“. Darum mache es sich die Zeitung zur Aufgabe, die vermeintlich lustigen Aprilscherze von Unternehmen zu entlarven. In dem Artikel folgt eine lange Liste von Aprilscherzen und deren Widerlegung. Auch einige deutsche Medien haben sich von Aprilscherzen abgewandt.

Harmlos und trotzdem nervig

Gänzlich verschwunden ist der Aprilscherz natürlich nicht. Trotz allem fluteten auch im vergangenen Jahr wieder zahlreiche Unternehmen ihre Social-Media-Kanäle mit vermeintlich witzigen Veräppelungen. Die Supermarktkette Globus etwa verkündete den Produktstart eines neuen Parfüms, das nach Fleischkäse riecht. Der Spielzeughersteller Lego kündigte den Verkauf von Blumenerde an.

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Ikea in den USA postete eine Zauberpilzlampe, mit der man angeblich seine Möbel in der Wohnung vergrößern kann. Die Datingplattform Tinder verkündete, man werde alle Fotos entfernen, auf denen Fische zu sehen sind. Und natürlich war auch Dr. Oetker wieder mit einem neuen Produkt dabei: original Puddinghaut.

Ohne Frage: Diese Scherze sind überaus harmlos, und sie tun niemandem weh. Ob man sie in Zeiten allgegenwärtiger Desinformationen aber wirklich braucht, das steht auf einem anderen Blatt Papier.