Bekämpft man Antisemitismus, indem man Richard-Wagner-Strassen umbenennt? Über einen blödsinnigen Vorstoss

In Deutschland wollen grüne Jungpolitiker Strassennamen zum Verschwinden bringen, die an Künstler erinnern, die sich judenfeindlich geäussert haben. Die Forderung ist nicht nur ahistorisch und dumm, sondern auch heuchlerisch und weltfremd.

In der Richard-Wagner-Strasse in Gelsenkirchen wird Wagner als «umstritten» bezeichnet. Aber ist er das wirklich?

In der Richard-Wagner-Strasse in Gelsenkirchen wird Wagner als «umstritten» bezeichnet. Aber ist er das wirklich?

Bild: Ingo Otto/Imago

Auf den ersten Blick ist es einer jener Fälle von «Cancel Culture», wie sie in der westlichen Welt zuhauf vorkommen: Die Grüne Jugend in Hessen fordert die Umbenennung von Strassen. Um ihrem Anliegen Nachdruck zu verleihen, haben die Nachwuchspolitiker an Frankfurter Schildern Plakate angebracht: «Diese Strasse ist nach einem Antisemiten benannt.»

Betroffen sind die üblichen Verdächtigen der Kulturgeschichte: die Komponisten Richard Wagner (wegen seiner Hetzschrift «Das Judenthum in der Musik») und Richard Strauss (wegen seines Opportunismus in der Nazi-Zeit), der Reformator Martin Luther (der forderte, Synagogen anzuzünden) und der Schriftsteller Theodor Fontane.

Künstlertum rechtfertigt nicht alles

Wie soll man mit bedeutenden Künstlern umgehen, die Judenfeinde waren? Die Stadt Gelsenkirchen hat das Schild an ihrer Richard-Wagner-Strasse mit einer Tafel ergänzt, auf der Wagner als «umstritten» bezeichnet wird. Solche Kontextualisierungen können sinnvoll sein. Aber ist Wagner wirklich umstritten? Über die Widerlichkeit seines Judenhasses herrscht Einigkeit; darüber, dass er ein grosser Komponist war, ebenfalls.

Natürlich rechtfertigt Künstlertum nicht alles: Ehrungen für Adolf Hitler würden sich auch dann verbieten, wenn er als Maler bedeutend gewesen wäre. Doch Wagner, Strauss oder Fontane waren keine Verbrecher, sie hatten nur hässliche Ansichten, wie sie zu ihren Lebzeiten häufig waren.

Gerade das Beispiel Fontane könnte auch Jungpolitiker zum Nachdenken anregen: In einem Brief nannte er die Juden «ein Volk, dem von Uranfang an etwas dünkelhaftes Niedriges anhaftet». Er schrieb aber auch: «All das sage ich (muss es sagen), der ich persönlich von den Juden bis diesen Tag nur Gutes erfahren habe.»

Als Heutiger kann man sich über Fontane erheben und seinen Antisemitismus, der von der eigenen Anschauung widerlegt wurde, besonders borniert finden. Man könnte aber auch anerkennen, dass der Romancier diesen Widerspruch reflektierte, was man ihm zumindest als leisen Zweifel an seiner Haltung auslegen kann.

Was die Forderung der Jungpolitiker, abgesehen von ihrer ahistorischen Blödheit so ärgerlich macht, ist die Heuchelei, die hinzukommt: Ihr Anliegen verbinden sie mit dem Krieg im Nahen Osten und den darauf folgenden Ausbrüchen von Antisemitismus in europäischen Städten. Bis zum 7. Oktober, dem Jahrestag des Terrorangriffs der Hamas auf Israel, sollen die Strassennamen verschwinden.

Sie sagen nur die halbe Wahrheit

Man wolle zeigen, dass Antisemitismus kein importiertes Phänomen sei, sagt der Sprecher der Grünen Jugend. Das ist zwar richtig, aber auch nicht die ganze Wahrheit: Jener Hass, den Juden dieser Tage auf den Strassen von Berlin, London oder Zürich erleben, hat meist mit Migration aus der islamischen Welt zu tun – und mit gescheiterter Integration.

Die entsprechenden Probleme wurden gerade auch von grünen Politikern lange geleugnet. Die jetzige Forderung des grünen Nachwuchses ist nicht zuletzt weltfremd: Wird ein antisemitisch denkender Jugendlicher in einem Frankfurter Migrantenquartier seine Vorurteile infrage stellen, wenn es in seiner Stadt erst einmal keine Richard-Wagner-Strasse mehr gibt? Ach, wenn es doch so einfach wäre!