In einem Haus für betreutes Wohnen: Gisela (88) saß fünf Wochen tot auf ihrer Couch

Vor rund drei Jahren zog Gisela (88) in das „Haus September“ in Meppen ein. Sie starb im Wohnzimmer auf ihrer Couch. Wochenlang vermisste niemand die Seniorin

Vor rund drei Jahren zog Gisela (88) in das „Haus September“ in Meppen ein. Sie starb im Wohnzimmer auf ihrer Couch. Wochenlang vermisste niemand die Seniorin

Von: Corinna Perrevoort und Uwe Wojtuschak

Meppen/Düsseldorf – Er glaubte, seine Mutter wäre in guten Händen. War sie doch in einem Haus für betreutes Wohnen für Senioren in Meppen (Niedersachsen) untergebracht. Aber dann stand die Polizei bei Hans-Joachim Schuh (68) in Düsseldorf vor der Tür: Die Beamten sagten ihm, dass seine Mutter Gisela gestorben ist. Und wahrscheinlich fünf Wochen unbemerkt tot auf ihrer Couch saß.

Hans-Joachim Schuh (68) prüft Akten zum Tod seiner Mutter. Er hat Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung erstattet

Hans-Joachim Schuh (68) prüft Akten zum Tod seiner Mutter. Er hat Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung erstattet

Der Tod der Rentnerin sei laut Polizei erst aufgefallen, als Verwesungsgeruch aus ihrer Wohnung drang. Eine Nachbarin (82) sagt zu BILD über Gisela: „Wir wunderten uns alle im Haus, dass ihre Jalousie tagelang unten war – und glaubten, sie wäre im Krankenhaus. Sie soll im Wohnzimmer auf der Couch gestorben sein. Auf dem Tisch vor ihr lag noch die TV-Zeitschrift, der 14. Januar soll aufgeschlagen gewesen sein.“

Auf der Sterbeurkunde ist der Todestag als Zeitraum angegeben – zwischen dem mutmaßlichen Tag, an dem Gisela Schuh starb und dem Tag, an dem sie endlich entdeckt wurde

Auf der Sterbeurkunde ist der Todestag als Zeitraum angegeben – zwischen dem mutmaßlichen Tag, an dem Gisela Schuh starb und dem Tag, an dem sie endlich entdeckt wurde

Als Gisela Schuh vor etwa drei Jahren ins „Haus September“ einzog, gab es dort 15 seniorengerechte Wohnungen, um die sich damals das Deutsche Rote Kreuz (DRK) kümmerte. Was der Sohn nicht wusste: Der Betreuungsvertrag wurde vom DRK gekündigt. Bis dahin hatte Gisela Schuh monatlich dafür 70 Euro gezahlt.

Die Jalousie ist immer noch unten. Auch die Möbel der Toten sind noch in der Wohnung. Dass ihr Briefkasten immer voller wurde, fiel erst spät auf

Die Jalousie ist immer noch unten. Auch die Möbel der Toten sind noch in der Wohnung. Dass ihr Briefkasten immer voller wurde, fiel erst spät auf

DRK-Sprecher Frank Gäbler vom Kreisverband Emsland: „Darin war eine 24-h-Erreichbarkeit einer Betreuungskraft, ein hauseigenes Notrufsystem und die Begleitung zum Einkaufen enthalten. Dieses Betreuungsangebot wurde zum 31. Dezember 2023 eingestellt, ein Jahr zuvor gab es bereits den Info-Brief dazu.“ Grund dafür sei laut Gäbler die mangelnde Nachfrage der Bewohner gewesen, „sie ging gegen null“.

„Natürlich ist der Vorfall sehr bedauerlich und unsere Anteilnahme gilt den Angehörigen“, so der DRK-Sprecher.

Gisela Schuh wurde bereits auf hoher See in der Ostsee bestattet

Gisela Schuh wurde bereits auf hoher See in der Ostsee bestattet

Hans-Joachim Schuh sagt zu BILD: „Mit der Kündigung des Betreuungsvertrages meinte das DRK, damit nichts mehr zu tun zu haben. Unter sozial verstehe ich etwas anderes.“ Da seine an Demenz erkrankte Mutter zudem auf Beschluss des Amtsgerichts Meppen eine gesetzliche Betreuerin hatte, erstattete der Sohn Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung.

„Weder das DRK noch die Betreuerin haben nach ihr geguckt“, prangert der Sohn an.

Die Gerichtsdirektorin sagte dazu der „NOZ“, dass eine Verpflichtung, den zu Betreuenden täglich oder wöchentlich zu besuchen, in den Aufgaben des Betreuers nicht vorgesehen sei. Dies müssten Angehörige übernehmen.

Die 60-qm-Wohnung der Seniorin lag im Erdgeschoss an der Straße. Der Sohn muss sie noch räumen lassen. Dafür soll er fast 4000 Euro zahlen. Geld was Schuh nicht hat

Die 60-qm-Wohnung der Seniorin lag im Erdgeschoss an der Straße. Der Sohn muss sie noch räumen lassen. Dafür soll er fast 4000 Euro zahlen. Geld was Schuh nicht hat

Für Hans-Joachim Schuh war dies aber nicht möglich: Er leidet seit 25 Jahren unter Panikattacken, ist zu 100 Prozent behindert und Frührentner. Sobald er seine Wohnung verlässt, bekommt er Angststörungen und Herzrasen. Zwei Infarkte hatte er schon.

Das Verhältnis zur Mutter war immer schwierig. Vor 30 Jahren gingen sie getrennte Wege, vor 17 Jahren meldete sich Hans-Joachim Schuh dann wieder bei Gisela. Seit ihrem Einzug ins Haus war der Kontakt wieder intensiver, bestand aber nur telefonisch.

Schuh: „Immer wenn sie ein Problem hatte, rief sie an und ich versuchte, es zu regeln. Ansonsten haben wir so viermal im Jahr geredet.“ Zuletzt an Weihnachten. Als sie sich danach nicht meldete, rief der Sohn in der zweiten Februar-Woche dreimal vergeblich an. Schuh: „Als ich überlegte, die Polizei zu informieren, standen die Beamten schon vor meiner Tür.“

Ein Todesermittlungsverfahren wurde von der Staatsanwaltschaft bereits eingestellt. Gisela Schuh wurde, wie von ihr gewünscht, in der Ostsee bestattet. Ihr Sohn sagt: „Der Fall meiner Mutter zeigt, dass die Senioren nicht immer so gut behütet leben, wie die Angehörigen es glauben.“

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